Auf vier Seiten schildern Vertreter des Handwerks dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) ihren Unmut über die frisch eingeführte Hymnenpflicht an Schulen: "Für viele unserer Ausbildungsbetriebe, aber auch Lehrer und Eltern, ist diese Initiative Symbol einer Politik, die sichtbare Gesten produziert, aber die sich verschärfenden strukturellen Probleme im Bildungssystem nicht angeht", heißt es in einem offenen Brief der Innung Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik (SHK) München an Söder.
Angesichts der Schwierigkeiten an Schulen wirke die "Fokussierung auf eine verpflichtende Hymne wie ein irritierendes Signal ohne Bezug zur Realität im Klassenzimmer". Demokratie werde nicht durch das Mitsingen eines Textes gestärkt, sondern durch tägliche Praxis. Nötig seien politische Prioritäten, die sich an der Realität orientierten: realistische Lehrpläne, Zeit für echte Wertebildung, multiprofessionelle Teams, funktionierende Infrastruktur, stärkere Praxisbezüge und Kooperation mit Betrieben, heißt es in dem Brief. Zuerst hatte der "Münchner Merkur" darüber berichtet.
Ab nächstem Schuljahr: Zwei Hymnen Pflicht
Die Hymnenpflicht geht zurück auf einen Beschluss des CSU-Parteitags vom Dezember: Die Delegierten hatten dafür gestimmt, dass bei der Verleihung von Schul- und Berufsabschlüssen verpflichtend die Bayern-, National- und Europahymne gespielt werden sollen. Söder kündigte daraufhin an, eine solche Regelung werde noch in diesem Schuljahr eingeführt. Seit wenigen Tagen steht fest, dass die Hymnenpflicht zum nächsten Schuljahr kommt.
Laut einem Schreiben des Kultusministeriums an die weiterführenden staatlichen Schulen müssen dann "bei festlichen Schulveranstaltungen zur Verleihung von Abschlusszeugnissen immer die Bayernhymne und mindestens eine weitere Hymne (deutsche Nationalhymne und/oder Europahymne) in würdig-feierlicher Weise in den Festakt integriert werden". Eine Mitsingpflicht bestehe nicht, durch das Aushändigen von Textblättern solle das Mitsingen aber ermöglicht werden. Dabei verweist das Ministerium auch auf den Paragraphen 90a des Strafgesetzbuchs, der das "Verunglimpfen des Staates und seiner Symbole" unter Strafe stellt.
"Ein positives Wir-Gefühl"
Laut Kultusministerium trägt die Auseinandersetzung mit Hymnen und ihren Werten zur "Persönlichkeitsbildung bei und fördert die Identität und den Zusammenhalt in unserem Land". Ministerin Anna Stolz (Freie Wähler) sagte, das Konzept sei im Austausch mit der Schulfamilie entwickelt worden.
Im Vordergrund stehe, "dass sich die jungen Leute mit den Werten unserer Gesellschaft verbunden fühlen". Es gehe um Respekt, Solidarität und ein positives Wir-Gefühl. Das Spielen von Hymnen bei offiziellen Veranstaltungen werde schon jetzt als sehr bereichernd wahrgenommen. Man mache die Hymnen in der Schule jetzt noch präsenter.
SHK-Innung: "Symbolpolitik"
Vertreter der SHK-Innung München dagegen sprechen von "Symbolpolitik" und dem Ausdruck einer politischen Kultur, "in der das Bedienen der eigenen Klientel leichter fällt als das Ansprechen unbequemer Wahrheiten". Während über Symbole gesprochen werde, "bröckeln Fundamente". Gerade das Handwerk spüre diese Entwicklung unmittelbar: Ausbildungsbetriebe würden immer häufiger zu Reparaturstellen gesellschaftlicher und bildungspolitischer Versäumnisse.
In vielen Klassen an Mittelschulen gehe es nicht um die Frage, "was gelernt wird, sondern ob überhaupt gelernt werden kann". Lehrkräfte würden immer stärker zu Sozialarbeitern, Mediatoren, Krisenmanagern. In anderen Schulformen werde eine enorme Stofffülle vermittelt: "Schüler lernen schnell (...) und vergessen ebenso schnell wieder." Das produziere Abschlüsse, aber nicht zwingend Kompetenzen fürs Leben. Auch bei der Infrastruktur gebe es Probleme: "Wenn Kinder sich nicht einmal in die sanitären Einrichtungen trauen, ist das mehr als ein Schönheitsfehler – es ist eine Frage der Würde."
Kritik von Lehrerverbänden
Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann, zeigte sich in der "Abendzeitung" irritiert über den Verweis des Ministeriums auf das Strafgesetzbuch: "Das zeigt, welcher Geist dahinter steckt." Demokratie- und Wertebildung sei eine Frage der Haltung. "Und die vermitteln wir weder in einer Verfassungsviertelstunde noch durch verpflichtendes Hymnensingen." Es brauche eine partizipative Schulkultur, in der diese Werte täglich gelebt werden – und Rahmenbedingungen, die es Lehrkräften ermöglichten, genau das auch in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.
In den vergangenen Monaten hatten auch weitere Lehrerverbände – wie der Realschullehr- und auch der Philologenverband – eine "von oben gesetzte Verpflichtung" kritisiert.
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