Zwölf Jahre lang hat er für das Denkmal seines "Vorbilds" gekämpft. So nennt Dietmar Holzapfel König Ludwig II., den populärsten aller Wittelsbacher, der die Schlösser Herrenchiemsee, Neuschwanstein und Linderhof erbaute. Holzapfel gründete den Verein "Ludwig II.-Denkmal", sammelte mehr als 220.000 Euro an Spendengeldern und steckte einen sechsstelligen Betrag aus seinem Privatvermögen in die Verwirklichung eines Denkmals auf der Münchner Corneliusbrücke.
Ein Ort, der auch historische Bedeutung hat: Denn dort stand schon einmal eine Bronzestatue des Königs. Diese allerdings wurde 1942 von den Nationalsozialisten eingeschmolzen, um Waffen daraus zu fertigen. Was dem "Märchenkönig", einem erklärten Pazifisten, wahrscheinlich nicht gefallen hätte.
Zwischen Traditionsbayern und Queer-Community
Dietmar Holzapfel schätzt den Standort am Eingang zum Glockenbachviertel noch aus einem anderen Grund: Dort, im Zentrum der Schwulenszene und der Queer-Community Münchens, betreibt er seit über 30 Jahren das Traditionslokal "Deutsche Eiche".
"Für mich ist König Ludwig II. schon immer eine Ikone gewesen. Er hat sein Leben gelebt in einer Zeit, in der es noch viel, viel schwieriger war, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen", betont Dietmar Holzapfel bei der Einweihung des Denkmals. Und fügt hinzu, wie sehr ihn gefreut habe, "dass Herzog Franz von Bayern sich mit neunzig Jahren outen konnte".
Söder: "Bayern steht für leben und leben lassen"
Thomas Greinwald, der Lebensgefährte des Herzogs, ist ebenfalls zur Enthüllung des Denkmals gekommen. Gespendet hat auch er dafür: "Ich finde es gut, dass man offen darüber reden kann und sich nicht mehr verstecken muss. Und ich hoffe, dass diese Freiheit uns auch erhalten bleibt. Wenn man in die Welt schaut im Moment, hat man Sorge, dass man in Zukunft vielleicht doch wieder einen anderen Kurs fahren muss."
Eine Gefahr, die laut dem anwesenden Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) in Bayern erst einmal nicht besteht: "Bayern steht für leben und leben lassen. Wir sind ein liberales und weltoffenes Land. Und Ludwig stand genau für diese Liberalität."
Ludwigs Homosexualität aus historischer Perspektive
Doch woher weiß man, dass der "Märchenkönig" homosexuell war? Schließlich hat der Wittelsbacher im Lauf der Jahrzehnte schon die verschiedensten Rollen einnehmen müssen: Bauwütiger, Opiumsüchtiger, Wahnsinniger, Selbstmörder – nun auch noch Ikone der Schwulenbewegung?
Marcus Spangenberg, Historiker, Autor und Ludwig-Kenner in Regensburg, hegt an der Homophilie Ludwigs II., also seiner Zuneigung zu Männern, keine Zweifel. Dies gehe eindeutig aus dessen Tagebucheintragungen hervor, in denen der König Selbstbefriedigung und das Berühren und Küssen von Männern schildert. Ob Ludwig noch weitergehende sexuelle Handlungen vollzog, verraten die Eintragungen aber nicht.
Experte: König schämte sich wohl für "sündiges Verhalten"
Trotzdem: Ludwig II. als Ikone der homosexuellen Community zu stilisieren, geht laut Spangenberg "vollkommen an den historischen Tatsachen vorbei". Denn der König teilte die strengen, katholisch geprägten Moralvorstellungen seiner Zeit und empfand sich auf Grund der Küsse und Onanie als sündiges Wesen, das Abbitte zu leisten und sakramentale Vergebung zu erhoffen habe.
Ludwig litt unter seiner Neigung und unterdrückte sie. Ein öffentliches Präsentieren wäre ihm nie in den Sinn gekommen. So ist laut Spangenberg auch keine Handlung oder Aussage von Ludwig bekannt, mit der er sich auf die Seite der zu seiner Zeit erwachenden Bewegung schlug oder diese unterstützte.
Touristenmagnet mit doppelter Botschaft
Eine Kritik, die laut Dietmar Holzapfel unter Homosexuellen immer noch geäußert wird. Er selbst hat sich jahrzehntelang für ihre Rechte eingesetzt. Mit seinem Vorbild allerdings geht er gnädig um: "Der König hat sein Leben gelebt. Und das ist ja auch schon ein Ausdruck."
Holzapfel hofft, dass nun die Doppeldeckerbusse für Touristen das Denkmal an der Corneliusbrücke in ihre Routen aufnehmen werden. Denn warum sollte das nicht zusammengehen: Ein "Märchenkönig", der einerseits für das traditionelle Bayern steht, und andererseits als Schwulenikone Münchens Ruf einer liberalen Stadt bestätigt.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
