Er hat den Schritt getan: Jason Stanley, renommierter US-amerikanisch-deutscher Philosoph und Faschismusforscher, verließ im März 2025 gemeinsam mit den Historikern Timothy Snyder und Marci Shore seine Professur an der Yale University und wanderte nach Kanada aus. Auslöser war der Moment, als die Columbia University vor dem Druck der Trump-Regierung kapitulierte und ihre Richtlinien auf Geheiß des Weißen Hauses umschrieb.
"Eine Universität lebt von Freiheit", sagte Stanley damals. "Würde ich an der Columbia unterrichten, wüsste ich: Ein falsches Wort über die Regierung und ich wäre weg." Stanley, heute an der Universität Toronto, ist Autor des Buchs "Wie Faschismus funktioniert", das 2018 erschien und das damals noch als Übertreibung kritisiert wurde. Im BR24-Interview für "Possoch klärt" sagt er, warum ihm das inzwischen niemand mehr vorwirft.
BR24: Das Weiße Haus bewirbt auf seiner Website [externer Link] einen roten Button, mit dem man "verdächtige Aliens" bei der Einwanderungsbehörde ICE melden kann. Ist das eine Menschenjagd per Mausklick?
Jason Stanley: Ihre Frage ist fast schon rhetorisch. Das ist ganz offensichtlich eine Menschenjagd. Und die Sprache, die dabei benutzt wird, ist tödlich. Man muss genau hinschauen: Was macht man mit Aliens? Was macht man mit Alien-Findern? Diese Sprache steht nicht im luftleeren Raum – in Minnesota haben wir bereits gesehen, wie ernst diese Regierung es meint. Sprache und Taten gehören hier zusammen.
"Competitive Authoritarianism" – Wahlen ohne faire Chancen
BR24: In was für einem Zustand befinden sich die USA gerade – noch Demokratie, schon Diktatur?
Stanley: Was der Politikwissenschaftler Lucan Way als "competitive authoritarianism" beschreibt: Es wird noch gewählt, aber die Wahl ist nicht fair. Gerrymandering hat die Wahlkreise so verschoben, dass Demokraten kaum noch realistische Gewinnchancen haben. Der Supreme Court hat den Voting Rights Act faktisch ausgehöhlt.
Wenn die Demokraten bei den Midterms eine Chance haben wollen, müssen sie mit 15 bis 20 Prozent Vorsprung gewinnen – so sieht unser System inzwischen aus. Das ist keine Demokratie mehr, aber auch noch keine klassische Diktatur.
Im Video: Treibt Trump die USA in den Faschismus? Possoch klärt!
"Die Ideologie ist faschistisch – ohne Zweifel"
BR24: Ein Historiker vom Institut für Zeitgeschichte sagte mir, man könne Vergleiche zum Dritten Reich ziehen, müsse aber den entscheidenden Unterschied benennen: Der Nationalsozialismus wollte eine Rasse vernichten, der amerikanische Rassismus hat dieses Vernichtungsziel nicht. Stimmt das?
Stanley: Ja, das ist ein realer Unterschied – diese Regierung ist nicht antisemitisch, und es gibt keine Gruppe, die die Rolle der Juden im Nationalsozialismus einnimmt. Aber man sollte nicht vergessen: Hitler hat in "Mein Kampf" die Vereinigten Staaten ausdrücklich gelobt – als rassistischen Staat, dessen Einwanderungsgesetze er als Vorbild betrachtete.
Und die Nationalsozialisten sahen die slawische Bevölkerung als minderwertig an und wollten sie versklaven – das hat Parallelen zur Geschichte der Schwarzen in Amerika. Die Ideologie hinter dem Trumpismus ist faschistisch, ohne Zweifel: Die Theorie des großen Austauschs, Fremdenfeindlichkeit, die Beschwörung eines mythischen Vergangenen. Das war der Kern von "Mein Kampf".
BR24: Und ICE?
Stanley: Ich habe das bereits 2019 geschrieben: ICE sieht aus wie eine Geheimpolizei für Trump – wie die Gestapo. Das ist nicht übertrieben. ICE ist die einzige US-Behörde, die unter Trump mehr Mittel und mehr Befugnisse bekommen hat. Man rekrutiert gezielt Leute, die Trump persönlich ergeben sind – zum Beispiel UFC-Kämpfer. Die deutsche Öffentlichkeit sieht das jetzt. Ich finde es nur schade, dass es so lange gedauert hat: In den USA diskutieren wir das seit 2016.
"Zu schnell" – Trumps größter Fehler?
BR24: Gibt es noch etwas, das diese Entwicklung stoppen kann?
Stanley: Die Bevölkerung selbst muss die Demokratie verteidigen – wie wir es in Minneapolis gesehen haben. Die Midterms werden unfair sein, und Trump wird, wenn Demokraten gewinnen, das Ergebnis anfechten. Es ist sogar möglich, dass er die Wahlen unter dem Vorwand eines Krieges – etwa mit dem Iran – aussetzt. Aber ich glaube: Trump ist zu schnell gegangen. Er hat nie versucht, seine Unterstützung wirklich zu verbreitern. Und es gibt noch Widerstand – in Teilen der Justiz, in der Gesellschaft. Ob das reicht, weiß ich nicht. Aber ich glaube, er hat sich übernommen.
BR24: Danke für das Gespräch.
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