Der Neubau des Amtes für Ländliche Entwicklung Oberbayern in Mühldorf.
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Rund 44 Millionen Euro investiert der Freistaat für den neuen Standort des Amtes für Ländliche Entwicklung Oberbayern in Mühldorf.
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Rund 44 Millionen Euro investiert der Freistaat für den neuen Standort des Amtes für Ländliche Entwicklung Oberbayern in Mühldorf.

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Licht und Schatten: Der Preis der Behördenverlagerung

Licht und Schatten: Der Preis der Behördenverlagerung

Seit zehn Jahren verlegt der Freistaat Bayern staatliche Stellen von den Ballungsräumen in strukturschwächere Regionen. Beispiele in der Oberpfalz und Oberbayern zeigen Licht und Schatten – von verlorenem Know-how bis zu Chancen für junge Fachkräfte.

Über dieses Thema berichtet: Regionalnachrichten aus Niederbayern am .

Die 24-jährige Theresa Greger kommt aus Waldsassen in der Oberpfalz – etwa 30 Kilometer von Windischeschenbach entfernt. Dort – im Amt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung – hat sie ihre Ausbildung zur Geomatikerin gemacht. Vor zehn Jahren ist die Behörde, die digitale Landkarten erstellt, von München nach Windischeschenbach im Oberpfälzer Landkreis Neustadt an der Waldnaab gezogen. Für Greger ein Gewinn: "Ich hätte wahrscheinlich einen anderen Beruf gemacht, weil ich recht heimatverbunden bin" – doch so habe es sich "super angeboten".

Vor zehn Jahren startete der Freistaat die Verlagerung von Behörden. Das Ziel: qualifizierte Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schaffen, das Landleben attraktiver machen. Mit Erfolg?

60 neue Arbeitsplätze bei 5.000 Einwohnern

In Windischeschenbach: ja. 60 neue Arbeitsplätze hat der 5.000-Seelen-Ort durch die Behördenverlagerung bekommen. Für Bürgermeister Karlheinz Butnik ein positives Signal: "Ich glaube, dass das schon eine gewisse Initialzündung war." Nur acht der Münchner Mitarbeiter sind mit nach Windischeschenbach gezogen – der Großteil sei aus der Gegend eingestellt worden, berichtet der Präsident des Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, Daniel Kneffel.

Junge Belegschaft belebt Windischeschenbach

Zwei Drittel der Angestellten seien unter dreißig. Bürgermeister Butnik beobachtet auch, wie das die Stadt belebe: "In der Mittagszeit ist es schön, die kleine Prozession anzusehen, die auch mal in der Eisdiele sitzt oder einen Cappuccino trinkt." Ein weiterer positiver Effekt: Die Behörde ist in der Stützelvilla untergebracht, einer ehemaligen Fabrikantenvilla, die als Jugendtagungshaus diente, nun frisch renoviert wurde und einen modernen Anbau hat.

44 Millionen Euro für neuen Standort in Mühldorf

Der Umzug des Amtes für Ländliche Entwicklung Oberbayern von München nach Mühldorf ist gerade in vollem Gange. Rund 44 Millionen Euro investiert der Freistaat in den neuen Standort. Über hundert Stellen werden nach Mühldorf verlagert – 35 sind noch unbesetzt. Zwar gab es keine Kündigungen, aber viele Münchner Beschäftigte nutzten die Gelegenheit für einen Wechsel in ein anderes Amt.

Entscheiden sich Mitarbeitende, in die Region umzuziehen, bekommen sie finanzielle Unterstützung. "Am Anfang war es etwas schwierig, da die Kollegen - größtenteils aus München und Umgebung - ebenfalls sehr überrascht waren von dem Umzug", sagt Regina Waltl, Leiterin der Abteilung Zentrale Dienste. Etwa 80 Prozent der Mitarbeitenden seien neu eingestellt: "Mittlerweile kommt ein erheblicher Anteil aus dem Raum Mühldorf."

Hohe Kosten und wenig Erfahrung in Tirschenreuth

In Tirschenreuth zeigt die Behördenverlagerung ihre Kehrseite. Hierhin ist das Amt für ländliche Entwicklung Oberpfalz bereits vor 13 Jahren aus Regensburg gezogen. Für acht Millionen Euro wurde in Tirschenreuth ein Gebäude errichtet, das jetzt schon wieder für 6,7 Millionen Euro saniert wird.

Gestartet habe die Behörde quasi von null, kritisiert Amtschef Kurt Hillinger: "Die Mitarbeiter sind in der Regel gegangen, bevor wir hier in Tirschenreuth angefangen haben. Wir haben hier mit ganz jungen Leuten begonnen – und man spürt natürlich auch, dass da Fachwissen verloren geht. Das muss man sich langfristig wieder aufbauen."

Im Video: Von der Stadt in die Region? Das sagt der Experte

Prof. Dr. Holger Magel ist Gründer und Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.
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Prof. Dr. Holger Magel ist Gründer und Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.

Füracker: "Positive Zwischenbilanz"

Heimat- und Finanzminister Füracker zieht im Interview mit BR24 eine positive Zwischenbilanz der Behördenverlagerung in strukturschwächere Regionen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre seien viele Mitarbeiter wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Junge Leute seien nach seinen Worten gar nicht erst abgewandert. Füracker sprach von einem messbaren Erfolg, etwa bei Arbeitsplätzen und Kaufkraft: Mehr als 60 Behörden mit mehr als 2.000 Arbeits- und Studienplätzen seien in ländliche Regionen verlagert worden.

Kosten lohnen sich laut Füracker – Wirtschaft soll nachziehen

Der Heimatminister räumte ein, dass die Behördenverlagerung Geld kostet: Es sei zwar zunächst günstiger, es nicht zu machen. "Nur, wenn Sie mich fragen, was kann man tun für die betroffenen Regionen – dann ist das, glaube ich, ein gutes Mittel." Und nicht das einzige: Füracker erwähnte unter anderem den Glasfaserausbau und die dezentrale Hochschulstruktur. Das habe unter anderem dazu geführt, dass in den Ballungsräumen knapp 37.000 Quadratmeter Flächen frei geworden seien.

Auch von der bayerischen Wirtschaft wünscht sich Füracker eine solche Heimatstrategie: "Man kann gerne Unternehmen aus München heraus verlagern in die nördliche Oberpfalz, nach Oberfranken oder in das Grenzgebiet zu Tschechien, wo wir besondere demografische Herausforderungen haben."

BR24 auf YouTube: Behördenverlagerung in ländliche Regionen – Bilanz nach zehn Jahren

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