Die 89-jährige Schwiegermutter von Jürgen Diamant muss umziehen - zusammen mit 32 anderen Bewohnern eines Pflegeheims in Ottobeuren, weil gravierende Mängel festgestellt worden. Vor drei Wochen kam der Brief mit der Hiobsbotschaft: "Das war natürlich ein Schock, innerhalb von vier Wochen das Objekt verlassen zu müssen. Dann habe wir natürlich telefoniert – rund um die Uhr", sagt Diamant.
Hygienemängel, unversorgte Wunden, falsche Medikamente
Seit März hatte die Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, die FQA, am Landratsamt Unterallgäu, das Pflegeheim kontrolliert. Schon bei einer ersten Prüfung zählten die Fachleute über 40 "eklatante" Mängel", sagt Stefan Drexel, Leiter der FQA: "Wir haben nachweislich festgestellt, dass Bewohner nicht ausreichend mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt wurden, dass Wunden teils unter katastrophalen Bedingungen versorgt wurden und Medikamente verwechselt oder gar nicht verabreicht wurden."
Teilbetriebsuntersagung zum "Schutz der Bewohner"
Trotz mehrfacher Beratungen, eines Aufnahmestopps und weiteren Prüfungen habe sich die Situation nicht "ausreichend verbessert". Deshalb sei aus Sicht der Fachstelle zum Schutz der Bewohner nur noch eine Möglichkeit geblieben: eine Teilbetriebsuntersagung.
Das bedeutet: Das Heim darf Bewohner mit Pflegegrad 4 und 5 nicht mehr versorgen – andere Pflegeplätze bleiben aber bestehen. Von den von der Fachstelle festgestellten und bemängelten Zuständen hat Jürgen Diamant bei seiner Schwiegermutter allerdings nichts mitbekommen. "Wir waren schon sehr zufrieden. Vielleicht auch, weil meine Frau alle zwei Tage vor Ort war. Im Nachhinein könnte man sagen, dass da das ein oder andere nicht ganz ideal war", sagt Diamant.
Beschwerden bei Pflege-SOS Bayern eingegangen
Bei der Beschwerdestelle Pflege-SOS Bayern waren in diesem Jahr drei Meldungen zum Heim eingegangen. Das teilte das Bayerische Landesamt für Pflege auf BR-Anfrage mit. Zwei wurden an die zuständige Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen (FQA) weitergegeben, eine weitere mit minderschwerem Inhalt an diese verwiesen. Die Pflege-SOS Bayern dient laut Landesamt als niedrigschwellige Anlaufstelle für Hinweise und Beschwerden. Damit ergänzt sie die Instrumente der Fachstelle und Medizinischem Dienst im Sinne eines Früherkennungssystems für Probleme in Einrichtungen.
Pflegeheim-Betreiber weist Vorwürfe zurück
Der Betreiber – eine Unternehmensgruppe mit Heimen bundesweit – weist die Vorwürfe der Behörden zurück. Auf BR-Anfrage antworten sie schriftlich: "Aus unserer Sicht hat nie Gefahr für Leib und Leben beziehungsweise Freiheit und Gesundheit der uns anvertrauten Bewohner bestanden. Festgestellte Mängel sind bei Prüfungen nicht ungewöhnlich. Wir arbeiten mit Schulungen, zusätzlichem Qualitätsmanagement und Unterstützung aus anderen Einrichtungen daran, diese abzustellen."
Im Video: 33 Bewohner müssen mangelhaftes Pflegeheim in Ottobeuren verlassen
33 Bewohner müssen mangelhaftes Pflegeheim in Ottobeuren verlassen
Bewohner werden in anderen Heimen untergebracht
Sowohl die Einrichtung als auch die Fachstelle haben dabei geholfen, für die Bewohner einer neuen Bleibe zu finden. Inzwischen konnte für fast alle Bewohner ein neuer Pflegeplatz in näherer Umgebung gefunden werden, für die restlichen Bewohner sei man zuversichtlich.
Jürgen Diamant hatte Glück. Er hat für seine Schwiegermutter nach zahlreichen Telefonaten und Absagen einen Platz in einem Heim in Mindelheim gefunden. Der Umzug für eine 89-Jährige war aber schwierig und emotional: "Da hat sie dann geweint, wo bin ich jetzt hier? Die Fahrt dorthin war schon schwierig, war eine Herausforderung, aber sie ist jetzt gut angekommen", sagt Diamant.
Live-Schalte mit BR-Korrespondent Florian Regensburger.
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