Auf zwei Dinge kann man sich in Bayern verlassen: Das Starkbier hat eine Stammwürze von mindestens 16 Prozent und beim Anzapfen des ersten Fasses wird der versammelten Politiker-Riege kräftig eingeschenkt. Nicht nur Bier, versteht sich.
Die verbalen Watschen vom Starkbieranstich am Nockherberg hallen noch nach, schon holt die "kleine Schwester" zum nächsten Schlag aus: Beim Maibockanstich im Münchner Hofbräuhaus ist das Derblecken in die nächste Runde gegangen – zugleich aber spürbar milder ausgefallen.
Bayern als Parallelwelt zum chaotischen Berlin
Schon der Einstieg setzt den Ton. Festredner Django Asül etabliert Bayern als "Parallelwelt", stilisiert den Freistaat zum Konterpart Berlins, wo die Minister nur mit "Schlammcatchen" beschäftigt sind. Dort Streit, hier Harmonie. Dort Überforderung, hier Selbstgewissheit. Oder vielleicht doch Selbstüberschätzung? Eine jahrzehntelange Gewissheit gebe es jedenfalls nicht mehr: Dass eine gewisse Nähe zum FC Bayern eine Garantie für Erfolg ist.
Das habe der abgewählte Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) schmerzlich erfahren müssen: "In normalen Zeiten würde man sagen: Mensch, ein Roter wie der Reiter wird Aufsichtsrat beim FC Bayern. Damit beweist er: Im Herzen ist er ein Schwarzer." So hätte Reiter die CSU-Wähler auf seine Seite ziehen können, aber: "Angeblich wusste er nicht, dass er Geld bekommt für die Ämter beim FC Bayern. Die schwarzwählende Öffentlichkeit denkt sich: 'Ein echter Schwarzer weiß immer, wenn er Geld bekommt'."
Flip aus Biene Maja und ein Gewinner-Name
Die Kommunalwahl bekommt überhaupt einen großen Stellenwert in Asüls Rede: Rosenheims neuer Bürgermeister Abuzar Erdogan etwa verdanke seinen Wahlsieg dem Nachnamen: "Mit dem Namen Erdogan kann man in Deutschland keine Wahl verlieren. Das bestätigt sogar der türkische Ministerpräsident, der in Deutschland regelmäßig mehr Stimmen holt als in der Türkei."
Münchens Oberbürgermeister-Kandidat Clemens Baumgärtner (CSU) muss sich Vergleiche mit Flip aus "Biene Maja" gefallen lassen – wobei er sich dann doch eher als Flop entpuppt habe. Damit müsse Baumgärtner jetzt leben: "Schuld ist nämlich immer der, der auf dem Plakat drauf ist. Und nie der Parteichef, gell, Markus?", sagt Asül und prostet dem bayerischen Ministerpräsidenten zu.
Aiwanger und Söder kommen glimpflich davon
Verglichen mit dem Nockherberg kommen Söder und sein Vize Hubert Aiwanger (FW) bei Asül allerdings glimpflich davon. Konflikte zwischen den Koalitionspartnern deutet der Kabarettist um: nicht als Schwäche, sondern als Ausdruck funktionierender Kooperation.
Im Zentrum dieser Inszenierung steht Söder. Ihn zeichnet Asül als politischen Taktiker, der weniger durch feste Überzeugungen als durch Anpassungsfähigkeit auffalle. Etwa beim Thema Energie: "Wann war der Markus gegen Atomkraft? Als es noch Atomkraftwerke in Deutschland gab. Warum ist er jetzt für Atomkraft? Weil es eben keine AKWs mehr gibt."
Viel Lob von den Derbleckten
Als mittlerweile 16-facher Festredner beim Maibockanstich ist Asül Vollprofi. Die Pointen sitzen, das Timing passt. Und doch wirkt seine Rede an manchen Stellen zahm. Das Starkbier schäumt an diesem Abend mitunter mehr als die Stimmung im Saal.
Von den Derbleckten gibt es dennoch viel Lob. Söder würdigt Asüls "leicht spielerische Art", ohne dabei verletzend zu sein. Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) betont, er habe in alle Richtungen ausgeteilt. Und die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze freut sich, dass auch die Kommunalpolitik zur Sprache kam.
Lob erhält auch der Gastgeber, Finanzminister Albert Füracker, für seine komödiantischen Begrüßungsworte. Er heißt alle willkommen, die "sich eingeschlichen haben, die sich reingedrängt haben, die mich genervt haben, dass sie reindürfen, und alle, die am Schwarzmarkt die letzten Karten erfolgreich erwerben konnten."
"Lausdeandln" als einziger weiblicher Act
Bis 1954, so ist es überliefert, waren als Gäste beim Maibockanstich grundsätzlich nur Herren erwünscht. Auch wenn Dirndl und Trachtenrock inzwischen längst Einzug in den holzgetäfelten Saal gehalten haben, bleibt die Bühne an diesem Abend von Männern dominiert. Der Humor ebenso.
Dem können die Musikerinnen "Lausdeandln" (Karin Obermaier und Judith Ruhland) als einziger weiblicher Act wenig entgegensetzen – obwohl sie es sich laut eigener Aussage zur Aufgabe gemacht haben, das Wirtshaus als "letzte Bastion kartelnder Männerrunden" zu erobern.
Die "Lausdeandln" Karin Obermaier und Judith Ruhland
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

