In Bayern werden Haustiere vermehrt von ihren Besitzern ausgesetzt. Darauf weisen aktuelle Recherchen des Bayerischen Rundfunks hin. Die Vorsitzende des Bayerischen Tierschutzbundes, Ilona Wojahn, spricht von einer "besorgniserregenden Entwicklung" und warnt eindringlich vor den Folgen.
Pfarrkirchen: Trächtige Meerschweinchen am Spielplatz
Der jüngste Fall in Pfarrkirchen im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn zeigt das Problem exemplarisch. Dort sind am Wochenende zahlreiche Meerschweinchen ausgesetzt worden – einige von ihnen trächtig. Insgesamt wurden bisher zwölf Tiere eingefangen, wie das Tierheim in Pfarrkirchen mitteilt. Ein weiteres Meerschweinchen kam bereits am Fundort ums Leben. Es war von einem Hund erwischt worden. Dessen Besitzer bemerkte daraufhin die vielen kleinen Tiere auf dem Pfarrkirchner Spielplatz und informierte das Tierheim.
Seit Samstag sind Mitarbeitende des Tierheims zwei- bis dreimal am Tag unterwegs, um weitere Meerschweinchen zu suchen. Gerade die jüngsten Tiere seien schwer zu finden, weil sie sich gut verstecken könnten.
Zu den bisherigen Besitzern gibt es bislang keine Spur. Die Polizeiinspektion Pfarrkirchen ermittelt gegen Unbekannt wegen eines Vergehens nach dem Tierschutzgesetz. Zeugen, die Hinweise geben können, sollen sich bei der Polizei melden.
Wettlauf gegen die Zeit: Meerschweinchen vermehren sich schnell
Von den bisher gefundenen Meerschweinchen sind nach Angaben des Tierheims zwei bis drei trächtig. Es ist möglich, dass noch weitere trächtige Tiere unterwegs sind.
Das Einfangen der Tiere ist deshalb ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Meerschweinchen vermehren sich rasant. In der Regel sind sie bereits etwa drei Wochen nach der Geburt geschlechtsreif. Damit sich die Population am Spielplatz in Pfarrkirchen nicht weiter vergrößert, müssen die Tiere so schnell wie möglich eingefangen werden.
Alle bisher gefundenen Meerschweinchen befinden sich derzeit im Tierheim. Laut Mitarbeiterin Katharina Gründel sollen sie noch heute tierärztlich untersucht werden. Mit Ultraschall soll festgestellt werden, welche Weibchen trächtig sind. Anschließend sollen die Tiere nach und nach vermittelt werden. Platz ist im Tierheim nach eigenen Angaben noch für mindestens fünf weitere Meerschweinchen.
Tierschutzbund: Tierheime stoßen an ihre Grenzen
Die Vorkommnisse in Pfarrkirchen sind nach Angaben des Bayerischen Tierschutzbundes kein Einzelfall. Seit Monaten sei im Freistaat ein Trend zu beobachten, dass mehr Tiere ausgesetzt würden, so Vorsitzende Ilona Wojahn im Gespräch mit dem BR.
Wojahn leitet das Tierheim Paßbrunn im Landkreis Dingolfing-Landau. Dort wurden erst vor kurzem zwei blinde und taube Hunde in einem Wald ausgesetzt. Beide Tiere sind mittlerweile in ihrem Tierheim untergebracht.
Laut Wojahn hätten bayerische Tierheime immer weniger freie Plätze, weil immer öfter Tiere abgegeben oder ausgesetzt werden. Immer wieder müssten Fundtiere daher an andere Einrichtungen weitergegeben werden.
Appell: Tiere nicht aussetzen und Sachkundenachweis einführen
Die Tierschutzexpertin warnt ausdrücklich davor, Tiere auszusetzen. Wer mit seinem Haustier überfordert sei oder es nicht mehr halten könne, solle sich rechtzeitig an das nächstgelegene Tierheim oder den Tierschutzbund wenden. Wichtig seien dabei möglichst viele Informationen. Alter, Gewohnheiten, Krankheiten und Impfstatus der Tiere erleichterten die Versorgung und spätere Vermittlung.
Um das Aussetzen von Tieren langfristig einzudämmen, wünscht sich Wojahn sogenannte Hunde- und Katzenführerscheine, also verbindliche Sachkundenachweise für künftige Tierhalter. Jeder, der Tiere verkaufe oder abgebe, trage außerdem Verantwortung. Denn wer nicht genau prüft, wo das Tier künftig leben wird, macht sich, nach Ansicht der Vorsitzenden des Bayerischen Tierschutzbundes, mitschuldig.
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