Viel los ist in der Dorfmitte von Leinburg an einem gewöhnlichen Werktag nicht: eine Apotheke, eine Post, eine Sparkasse – dazwischen verläuft die Hauptstraße. Im Februar an Faschingsdienstag ist hier aber reges Treiben: Dann nämlich zieht der sogenannte Matschgerla-Wagen durch die Straßen. Der Name leitet sich wohl vom bayerisch-österreichischen Begriff "Maschger" ab, der eine verkleidete Person im Fasching bezeichnet.
Die anonyme Gruppe befestigt an ihrem Wagen unterschiedliche Plakate: Der Inhalt richtet sich zum Beispiel gegen die Gemeinde im Kreis Nürnberger Land, weil sie schlecht Schnee räume oder falsch asphaltiere, sagt der 2. Bürgermeister Christian Palm von der Freien Wahlgemeinschaft Leinburg (FWG). Auf anderen Plakaten werde aber auch das Privatleben von Menschen kommentiert.
Fotos der sexualisierten Sprüche liegen dem BR vor
Dem BR liegen Fotos der Plakate vor, auf denen beispielsweise steht: "Daham nimmst nix mehr in Mund, dafür gings af der Ärbert rund."
Der #Faktenfuchs hat das Fotomaterial überprüft und stuft es als authentisch ein. Auf den Fotos befinden sich eindeutige Hinweise darauf, dass die in dem Material abgebildeten Plakate auf dem Kornmarkt in Leinburg zu sehen waren. Im Hintergrund sind etwa eindeutig identifizierende Objekte zu sehen, wie Straßenschilder und die Spitze des Leinburger Kirchturms.
Eines der Plakate gibt einen Hinweis auf ein mögliches Aufnahmedatum der Fotos: Die Rede ist von bald anstehenden Wahlen in Bezug auf die Gemeinde und auf Umstände, die laut dem Plakat seit nun sechs Jahren bestünden. Die jüngsten bayerischen Kommunalwahlen fanden heuer im März statt, wenige Wochen nach dem diesjährigen Faschingsfest, davor gab es entsprechende Wahlen im Frühjahr 2020. Auch die Vegetation sowie das Wetter sprechen dafür, dass das Bildmaterial beim diesjährigen Faschingsumzug in Leinburg entstanden sein könnte. Hinweise auf einen Einsatz Künstlicher Intelligenz finden sich in den Fotos nicht.
Petition gegen Matschgerla-Wagen erreicht 1.800 Unterschriften
"Es ist menschenverachtend und diskriminierend, es geht hier um sehr viel Frauenfeindlichkeit", so Palm. Nachdem die Pegnitz-Zeitung [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt] vor wenigen Wochen darüber berichtet hatte, starteten Theresa Ullmann und Jana Brückner eine Petition. Sie wollen, dass diese Beleidigungen aufhören.
"Wenn Menschen bei einem eigentlich lustigen Fest, bei dem sie zusammenkommen und fröhlich sein sollten, verletzt werden, dann braucht es Veränderung", sagt Ullmann im BR24-Gespräch. Mehr als 1.800 Unterschriften haben die beiden gesammelt. Inzwischen ist das Thema auch überregional präsent: Unter anderem eine Frauenrechtsorganisation aus Berlin unterstützt die Petition.
Betroffene müssen selbst klagen
Sie richtet sich an die Gemeinde Leinburg, die sich bereits im vergangenen Jahr mit dem Thema auseinandergesetzt hat und im BR24-Interview Stellung dazu bezieht. "Es sind alle Hebel in Bewegung zu setzen, dieses Treiben in der Gestaltung aus der Welt zu schaffen. Es passt nicht in die Zeit und hat in unserer Demokratie so nichts zu suchen", so Bürgermeister Palm. Verbieten könne die Gemeinde den Umzug nicht, da er auf einer Staatsstraße stattfindet. Dafür wäre das Landratsamt verantwortlich. Auch rein rechtlich könne die Gemeinde nicht gegen die Beleidigungen gegen Dorfbewohner vorgehen. Die Betroffenen müssten selbst klagen. Das habe bisher noch zu keinem Erfolg geführt, sagt Palm.
Theresa Ullmann von der Petition glaubt zudem, dass Betroffene einem sozialen Druck stehen und sich deshalb vielleicht gar nicht trauen, rechtlich dagegen vorzugehen. "Man weiß ja nicht, was passiert, wenn sich mal dagegengestemmt wird."
Wer sich genau hinter dem Matschgerla-Wagen verbirgt und wer die Schmähplakate schreibt, weiß Bürgermeister Palm nicht. Er vermutet eine Gruppe von zehn bis 15 Leuten, mutmaßlich aus dem Gemeindegebiet, die sich beim Umzug selbst hinter Hexenmasken verstecken. Palm wünscht sich, mit den anonymen Machern der Plakate reden zu können, um die Tradition ohne Beleidigungen und Diffamierungen zu erhalten.
"Man weiß als Einheimischer, damit umzugehen"
Ginge es nach dem Bürgermeister und den Unterzeichnern der Petition – die im Juni bei einer öffentlichen Gemeinderatssitzung übergeben werden soll – würde die Matschgerla-Gilde in der Form abgeschafft, in der sie zuletzt vor rund zwei Monaten aufgetreten war.
Hört man sich in Leinburg um, wünscht sich das nicht jeder. "Es ist oft schlimmer als es die Leute erzählen. Man weiß als Einheimischer, damit umzugehen", kommentiert ein Passant die Inhalte der Plakate. Eine andere Frau findet es unterdessen "einfach unmöglich, die Leute durch den Schmutz zu ziehen". Es reiche schon, was in den sozialen Medien alles abgezogen wird. Eine weitere Passantin erklärt: "Es ist etwas Traditionelles, das gibt’s hier schon seit etlichen Jahren. Ein gewisses Maß muss man trotzdem einhalten, weil es schon auch ans Persönliche geht."
Gemeinde plant nächstes Jahr eigene Veranstaltung am Kornmarkt
Zumindest an seinem angestammten Platz am Kornmarkt kann der Matschgerla-Wagen nächstes Jahr nicht mehr parken und die Inhalte der Plakate als Schauspiel aufführen. Dort hat die Gemeinde nämlich selbst eine Veranstaltung geplant: mit Faschingskrapfen und ohne Beleidigungen.
Petition gegen frauenfeindliche “Matschgerla”
BR24 auf Instagram: Zoff um Faschingswagen
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