Bei Brunsbüttel in Schleswig-Holstein fräst sich ein Tunnelbohrer unter der Elbe hindurch – für die Stromleitung Südlink. Die fünf Kilometer sind bald geschafft. Auch am anderen Ende Deutschlands, bei Landshut, ist bald Richtfest für die Konverterstation des Südostlink. Inzwischen sind nach Angaben des Netzbetreibers Tennet alle Abschnitte der beiden großen Gleichstromtrassen im Bau.
Ausbau der Übertragungsnetze kostet über 300 Milliarden
Das heißt: Jetzt trudeln auch immer höhere Rechnungen ein. Tennet Deutschland hat vergangenes Jahr zehn Milliarden Euro investiert, in den kommenden fünf Jahren sollen es jeweils 13 Milliarden Euro sein. Bis zur geplanten Klimaneutralität Deutschlands im Jahr 2045 ergibt der aufsummierte Investitionsbedarf aller vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber schwindelerregende Beträge. Der aktuelle Entwurf des Netzentwicklungsplans nennt, je nach Szenario, 365 bis 392 Milliarden Euro.
Netzentgelte sollen trotzdem "relativ stabil" bleiben
Dennoch verspricht Tennet-Chef Tim Meyerjürgens: "Die Netzentgelte werden über die nächsten Jahre relativ stabil bleiben, trotz der großen Investitionen." Das liegt daran, dass bisher ein großer Teil der Netzentgelte gar nicht für die Stromübertragung selbst ausgegeben wird, sondern für das Management von Engpässen. Windräder und Solarparks müssen abgeregelt werden, weil ihr Strom nicht zwischen Nord- und Süddeutschland transportiert werden kann, dafür werden auf der anderen Seite des Engpasses teure Gaskraftwerke hochgefahren. Die Kosten für diesen sogenannten Redispatch betrugen zuletzt rund drei Milliarden Euro jährlich. Durch den Leitungsbau kann hier eingespart werden.
Stromleitungen sind eine langlebige Investition
Außerdem halten Stromleitungen mindestens 40 Jahre, die Abschreibung der Investitionen verteilt sich auf diesen langen Zeitraum. Ein weiterer Effekt, der die Kosten für Stromverbraucher dämpfen kann, ist der absehbar steigende Stromverbrauch durch die Elektrifizierung von Heizung und Verkehr. Dadurch verteilen sich die Leitungskosten auf mehr Kilowattstunden. Wenn also mehr Strom durch die Leitung fließt, kostet der Transport der einzelnen Kilowattstunde weniger.
Freileitungen statt Erdkabel würde Milliarden sparen
Möglichkeiten, die Kosten des Netzausbaus zu dämpfen, werden trotzdem dringend gesucht. Eine davon will Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei ihren Reformen der deutschen Energiegesetze einführen: Große Gleichstromtrassen wie Südlink und Südostlink sollen künftig wieder überirdisch gebaut werden, statt als Erdkabel. Laut Tennet würden diese Leitungen dann um den Faktor drei bis vier günstiger sein. Bayerns CSU-geführte Staatsregierung ist inzwischen dafür, den Erdkabelvorrang wieder aufzugeben – obwohl dieser einst auf Drängen des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer eingeführt wurde. Der wollte damit Stromtrassengegner besänftigen. Bundesländer wie Niedersachsen wollen weiter bei Erdkabeln bleiben, zumal dort in Zukunft noch besonders viele solcher Gleichstromleitungen gebaut werden sollen.
Effizientere Windparks in der Nordsee
Ebenfalls bereits geplant ist ein weiterer Kostendämpfer: In der Nordsee sollen weniger Windräder gebaut werden, dafür mit weiterem Abstand zueinander. So kann mit weniger Nennleistung gleich viel Strom produziert werden, weil sich die Anlagen nicht gegenseitig den Wind wegnehmen. Und wenn weniger Offshore-Windräder angeschlossen werden müssen, fallen auch die Seekabel dorthin weniger teuer aus.
Besser ausgelastetes Netz durch Digitalisierung und Speicher
Die Entwicklung bei der Digitalisierung des Netzes und bei den immer günstiger werdenden Batteriespeichern lässt darauf hoffen, dass es möglich wird, Stromleitungen generell effizienter zu nutzen. Speicher können Leistungsspitzen abpuffern. So könnten weniger starke Leitungen ausreichen, die dann aber gleichmäßiger genutzt werden. In die gleiche Richtung wirken flexible Abnahmeverträge – etwa von Kühlhäusern, die ihren Stromverbrauch in gewissen Grenzen verschieben können.
Wind und Sonne regional gleichmäßig ausbauen spart Leitungen
Ebenfalls helfen würde ein regional gleichmäßiger Ausbau von Windkraft und Photovoltaik in ganz Deutschland. Weil Wind und Sonne selten gleichzeitig, sondern meist abwechselnd Energie liefern, können sich Windräder und Solarparks Netzanschlüsse teilen. Mit ihrem umstrittenen "Netzpaket" plant Bundeswirtschaftsministerin Reiche Einschränkungen beim Zugang zu bereits stark ausgelasteten Teilen des Stromnetzes. Auch das soll einen regional ausgewogenen Ausbau der Stromerzeugungsanlagen bewirken.
Kosten drücken durch Beteiligung des Staats
Eine sehr wichtige Variable sind auch die Kapitalkosten. Also, wie viel Prozent Gewinn die Netzbetreiber auf ihr eingesetztes Kapital veranschlagen dürfen. Weil es sich um Monopolbetriebe handelt, setzt die Bundesnetzagentur die erlaubten Gewinne fest. Derzeit läuft ein Verfahren zur Neuberechnung.
Die Netzbetreiber holen sich die Milliardenbeträge für den Netzausbau mit Anleihen am internationalen Kapitalmarkt. Zum Vorteil könnte hier werden, dass Investitionen in das deutsche Stromnetz als sehr sicher gelten. Viele Geldgeber sind angesichts der turbulenten Weltlage an solch konservativen Anlagen interessiert. Insofern könnten sie sich mit niedrigen Zinsen zufriedengeben. Der deutsche Staat kann mit eigenem Engagement die Kreditkosten weiter dämpfen. Das tut er inzwischen durch eine Minderheitsbeteiligung an Tennet. Staatliche Bürgschaften für Kredite könnten die Kapitalkosten weiter senken.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
