Der Hubschrauber Christoph 1 steht nackt in der Halle, fast wie ein gerupfter Vogel: Verkleidung ab, Leitungen sichtbar, Rotorblätter abgebaut. "Ich hab mir gedacht: Naja, wie beim Auto – einmal im Jahr Kundendienst", sagt der Reporter beim Werkstattbesuch. "Aber da reden wir von ein bis zwei Tagen. Beim Hubschrauber sind’s gleich mal zwei Monate.“ Alle 800 Flugstunden gibt es die "Großinspektion XXL“. Der Fachbegriff: 800-Stunden-Kontrolle. Der Hubschrauber wird dann fast komplett zerlegt. Jedes Teil wird geprüft, gemessen, dokumentiert.
Seit 8 Jahren fliegt diese Maschine als Christoph 1 von München aus Rettungseinsätze. Rund 12 Millionen Euro kostet so ein Airbus H 145 in der Anschaffung. Für die Wartung investiert die ADAC-Luftrettung das 20-Fache in seiner rund 20-jährigen Einsatzzeit. "Der Hubschrauber, der muss immer funktionieren“, sagt Uli Amersdorffer, Geschäftsführer des ADAC Heli-Service. "Also alle 800 Flugstunden muss dann die große Kontrolle durchgeführt werden."
Millimeterarbeit am Heckrotor
In einer Ecke der Halle liegen die Heckrotorblätter. Daneben kleine Kugelköpfe, markiert mit roten Aufklebern. "Die mit dem roten Aufkleber, die sind zu klein, die haben Untermaß und die müssen wir austauschen", erklärt Amersdorffer. Es geht um ein paar Hundertstel Millimeter. Man spürt die Atmosphäre in der Werkhalle: ruhig, konzentriert, fast andächtig. Kein hektisches Gewusel, sondern präzise Handgriffe, die von den Mechanikern durchgeführt werden. Hier ist klar: Ein falsch montiertes Teil ist mehr als nur ein Defekt. Es kann über Leben und Tod entscheiden.
Sieben Jahre bis zur Prüferlizenz
Wer hier arbeitet, braucht mehr als nur Technikbegeisterung. "Man braucht eine gute Ausbildung", sagt Amersdorffer. "Man lernt erst mal Fluggerätemechaniker – und dann ist man aber noch lange nicht fertig.“ Sogenannte Type Ratings für bestimmte Helitypen kommen dazu. Viele Jahre Erfahrung an echten Maschinen. „In Summe, bis jemand eine Prüferlizenz hat, dauert es ungefähr bis zu 7 Jahre.“
Jedes Kabel und jeder Schalter wird gecheckt
Wenn Fehler ausdrücklich erwünscht sind
Das Überraschende in dieser Hightech-Welt ist die Fehlerkultur. "Die moderne Psychologie hat ja festgestellt, dass der Mensch auch ab und zu Fehler macht. Ganz erstaunlich", sagt Amersdorffer mit einem Schmunzeln. Früher wurden Mitarbeiter gescholten, wenn sie Fehler gemacht haben. Heute setzt man auf eine "just culture": „Wenn der Mitarbeiter ’nen Fehler meldet, dann bedanken wir uns, gucken, wo der Fehler liegt, und können ihn beheben.“ Das Ziel: Kein Fehler bleibt im System. Der Hubschrauber startet nur, wenn alles wirklich passt.
Alle zwei Monate steht ein anderer Heli in der Halle. Die kommen nicht nur vom ADAC, sondern auch von der Bayerischen Polizei oder privaten Helifirmen. Außer dem neuen Hangar in Oberpfaffenhofen werden die 60 Rettungshubschrauber des ADAC in Landshut, Bonn – St. Augustin und Halle-Oppin gewartet. Neben Christoph 1 könnte in dieser Halle noch ein zweiter Helikopter überholt werden. Doch dafür gibt es nicht genügend ausgebildete Mechaniker, die die langwierige Ausbildung auf sich nehmen. Ein Berufszweig mit hoher Verantwortung, der hilft, Leben zu retten.
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