Der Schreiner Hans Bauereiß ist sich sicher: Mit den heute üblichen Arbeitszeiten hätte er es nicht geschafft, sich vor über 35 Jahren selbstständig zu machen und eine erfolgreiche Firma aufzubauen: "Mit 40 Stunden oder 35 Stunden einen Handwerksbetrieb selbstständig zu führen ist unmöglich."
Bei der Sendung "jetzt red i" aus Nürnberg diskutierten Bürgerinnen und Bürger unter anderem über die Frage, ob die Deutschen zu wenig arbeiten. So forderte erst kürzlich CSU-Chef Markus Söder, die Deutschen sollten pro Woche eine Stunde mehr arbeiten, um die schwächelnde Wirtschaft anzukurbeln.
Debatte über die Jugend: "Manche beißen sich nicht mehr so durch"
Peter Rösch hat eine Autolackiererei, viele seiner rund 40 Mitarbeiter seien bereit, Überstunden zu machen. Seine Forderung an die Politik: "Es wäre gut, wenn diese nicht besteuert würden." Mit Blick auf die jüngere Generation stellt seine Frau Karin Rösch fest: "Manche beißen sich nicht mehr so durch." So komme es vor, dass Lehrlinge die Ausbildung auch abbrechen würden.
Debatte über sogenannte "Blaumacher"
Heinz Korndörfer arbeitet in der Brandmelde- und Alarmtechnik und findet, vielen würde es an Arbeitsmoral mangeln. Seiner Meinung nach sind die bisherigen Regelungen bei Krankmeldungen zu lasch: "Dass man erst einmal nach drei Tagen das Attest bringen muss, dass man wirklich krank ist. Also das ist doch ein Schindluder, was da getrieben worden ist." Er sprach sich dafür aus, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Die Anästhesistin Annette Falk entgegnete hingegen, sie kenne keine Blaumacher – auch nicht in der jüngeren Generation. Stattdessen berichtete sie von engagierten Krankenschwestern, die an Burnout erkrankten.
Die CSU brachte angesichts der vielen Krankmeldungen sogenannte Karenztage ins Spiel: Arbeitnehmer sollen demnach nicht vom ersten Krankheitstag an ihren vollen Lohn weiterbeziehen. Davon hält Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, allerdings wenig: "Wenn wir Anreize schaffen, dass Menschen schneller zurück zur Arbeit kommen, dann stecken sie andere an." Wenn es ab dem vierten Krankheitstag wieder den vollen Lohn gebe, könnten Menschen sogar länger zuhause bleiben.
CSU-Generalsekretär Huber fordert steuerfreie Überstunden
CSU-Generalsekretär Martin Huber machte deutlich: Eine Reform des Sozialstaats sei mit Blick auf die angespannte Wirtschaftslage notwendig. Außerdem gehe es darum, die Bereitschaft zu fördern, mehr zu arbeiten. "Da geht es nicht um die Debatte, ob jemand faul ist oder nicht." Ihm gehe es um die Frage: "Sind wir bereit für den Erhalt unseres Wohlstands mehr zu tun, als wir bisher gemacht haben?"
Er forderte unter anderem eine Flexibilisierung der Arbeitszeit: Statt einer täglichen soll es eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben. Das hatten Union und SPD bereits im Koalitionsvertrag festgelegt. Huber, selbst Mitglied im Koalitionsausschuss, verwies darauf, dass man bereits vereinbart habe, die Zuschläge für Überstunden von der Steuer zu befreien.
SPD-Fraktionschef warnt vor Überlastung der Arbeitnehmer
Holger Grießhammer, Fraktionschef der SPD im Landtag, hat selbst einen Malerbetrieb. Er unterstützte die Forderung nach einer Flexibilisierung der Arbeitszeit für bestimmte Branchen. Er kritisierte aber auch, dass die Diskussion über eine längere Arbeitszeit "zu pauschal" geführt werde: "Man kann nicht grundsätzlich sagen, wir müssen jetzt alle zwölf, 13 Stunden arbeiten." Am Ende gehe es auch um die Gesundheit der Mitarbeiter, so hat er eine etwas andere Perspektive auf den hohen Krankenstand: "Ich glaube, wenn wir die Mitarbeiter zu sehr belasten, überlasten, dann schlägt es sich auf einer anderen Seite wieder nieder."
Isabel Meier arbeitet bei der Stadt Nürnberg und engagiert sich bei der verdi-Jugend. Sie beklagte eine Benachteiligung jüngerer Generationen: "Ich werde kaum Rente haben, ich werde mir kein Eigenheim leisten können." Einerseits, so Meier, sollen junge Menschen jetzt noch mehr arbeiten. Andererseits habe die Politik deren Interessen zu wenig im Blick.
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