Während der Corona-Pandemie wurde die telefonische Krankschreibung zeitweise eingeführt. Ziel war es, das Ansteckungsrisiko zu verringern. Außerdem sollten Arztpraxen entlastet werden. Seit Dezember 2023 gilt sie durchgängig. Es gibt Richtlinien für die Anwendung. So können nur Patienten telefonisch krankgeschrieben werden, die einer Praxis persönlich bekannt sind und dies auch nur für einen kurzen Zeitraum von bis zu fünf Tagen.
Welche Rolle spielt die telefonische Krankschreibung zahlenmäßig?
Bundeskanzler Merz spricht von 14,5 Arbeitstagen, an denen Arbeitnehmer im Jahr krankgeschrieben sind. Seine Zahl deckt sich mit den Erhebungen der Krankenkassen. Merz hält das für zu viel. Laut Statistischem Bundesamt haben sich die Krankheitstage in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt.
Der Bundeskanzler hinterfragt die telefonische Krankschreibung und damit ist er in der Union nicht allein. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist von der telefonischen Krankschreibung nicht überzeugt.
Doch zahlenmäßig spielt sie eine geringe Rolle: Laut einer Statistik des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung liegt ihr Anteil nur bei rund einem Prozent an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.
Was spricht gegen die telefonische Krankschreibung?
Von Arbeitgeberseite gab es von Anfang an Kritik, die telefonische Krankschreibung erleichtere das Blaumachen. Denn die Hürde, sich als Arbeitnehmer telefonisch eine Krankschreibung zu erschleichen, sei niedriger als beim persönlichen Besuch in der Arztpraxis. Wie oft telefonische Krankschreibungen ausgenutzt werden, dazu gibt es keine Daten.
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (externer Link) erklärte Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK: "In Umfragen räumen sieben bis acht Prozent ein, dass sie in den letzten zwölf Monaten auch mal ohne triftigen Grund auf der Arbeit gefehlt haben." Allerdings müssen viele Arbeitnehmer überhaupt erst nach drei Tagen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Unklar also, ob diese Menschen überhaupt eine Krankmeldung gebraucht haben.
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, wandte sich in einem Interview mit dem Tagesspiegel (externer Link) gegen die telefonische Krankschreibung: "Die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung lädt natürlich zum Missbrauch ein. Am Telefon kann doch niemand zuverlässig beurteilen, ob jemand wirklich arbeitsunfähig ist oder nicht."
Was spricht für die telefonische Krankschreibung?
Für seine Aussage bekam Gassen von vielen Ärzten allerdings reichlich Gegenwind. Sogar aus den eigenen Reihen. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern erklärte, dass die telefonische Krankschreibung kein Automatismus, sondern Teil einer ärztlichen Entscheidung sei, die auf Kenntnis der Krankengeschichte und der individuellen Situation der Patientinnen und Patienten beruhe. "Sie ermöglicht es, bekannte Patientinnen und Patienten bei nicht schwerwiegenden Erkrankungen niedrigschwellig zu behandeln, ohne unnötige Praxisbesuche zu verursachen."
Ähnlich sieht es Andreas Ritter vom Bayerischen Hausärzteverband im Interview mit BR24. Er verweist zusätzlich auf das unnötige Infektionsrisiko durch erkältete Patienten in den Praxen.
Warum ist die Zahl der Fehltage so gestiegen?
Viele Experten vermuten für die steigenden Zahlen ganz andere Gründe als die telefonische Krankschreibung. Das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung schreibt auf BR-Anfrage: "Im Zeitverlauf ist der größte Anstieg beim Übergang vom Jahr 2021 auf 2022 zu beobachten, nachdem das Meldeverfahren von Papier auf die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung umgestellt wurde."
Darauf haben auch immer wieder Vertreter von Krankenkassen verwiesen. Vor der digitalen Erfassung hätten kranke Arbeitnehmer die Kassen schlichtweg nicht immer über eine Erkrankung informiert. Durch die digitale Erfassung seien die Daten jetzt vollständiger.
Fast die Hälfte aller Krankentage fällt übrigens auf wenige Menschen, die aber schwer erkrankt sind und dementsprechend lange ausfallen. Datenerhebungen zeigen zum Beispiel, dass die Zahl der psychischen Krankheiten stark zugenommen hat.
Mehr als ein Drittel der Beschäftigten ließ sich 2024 allerdings gar nicht krankschreiben. Die Zahl der Krankschreibungen ist auch regional sehr unterschiedlich, wie eine exklusive BR-Auswertung zeigt: Im Landkreis Starnberg waren Beschäftigte 2024 im Schnitt rund halb so viele Tage krankgeschrieben wie im Landkreis Kronach oder der Stadt Hof. Die wirtschaftliche Situation spielt also ebenfalls eine Rolle.
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