Eine der beiden neuen Scheiben (Mitte) im israelischen Restaurant Eclipse.
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Nach Anschlag: Besucherschwund bei jüdischen Einrichtungen?

Nach Anschlag: Besucherschwund bei jüdischen Einrichtungen?

Nach dem Anschlag auf ein israelisches Restaurant in München hat die Polizei für entscheidende Hinweise eine Belohnung ausgesetzt. Andere jüdische Einrichtungen verzeichnen unterdessen einen Besucherrückgang. So schätzen Betroffene die Lage ein.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Als am Donnerstagnachmittag im "Eclipse" in der Münchner Maxvorstadt die neuen Fensterscheiben montiert werden, spiegelt sich darin die Sonne. Seit dem Anschlag in der Nacht auf den 10. April waren die großen Löcher an zwei Seiten des Restaurants nur notdürftig abgeklebt. Jetzt sitzen die blitzblanken Scheiben, bevor der Wirt sein Lokal wieder für die Abendgäste aufmacht.

Belohnung für Zeugenhinweise

Die Polizei verspricht mittlerweile eine Belohnung von 5.000 Euro für entscheidende Zeugenhinweise. Derzeit werde einem Zeugenhinweis zu einem verdächtigen Auto nachgegangen, das in der Nähe des Tatorts geparkt war und kurz nach Tatzeitpunkt davongefahren sein soll. Farbe und Halter des Wagens seien bislang nicht bekannt, so die Polizei.

Schließen und aufgeben – keine Option für "Eclipse"-Wirt

Schließen und aufgeben, das war keine Option für den Wirt Grigori Dratva: "Jeder ist bei uns herzlich willkommen und so werden wir auch weitermachen. Deswegen war es uns auch ganz wichtig zu betonen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen." Er betont: "Wir waren vorher gut besucht und sind es jetzt auch noch."

Ticketverkauf bei jüdischem Orchester stark eingebrochen

Ganz anders sieht es beim "Jewish Chamber Orchestra" in München aus. Daniel Grossmann, der Künstlerische Leiter des Orchesters hat festgestellt, dass die Zahl der verkauften Konzerttickets stark eingebrochen ist. Wegen Sicherheitsbedenken, so seine Vermutung. "Wir haben uns die letzten Tage gewundert, warum wir für unser Konzert am 5. Mai in den Kammerspielen überhaupt keine Tickets mehr verkaufen. Und irgendwann fiel uns ein, dass das eventuell mit dem Anschlag auf das Restaurant 'Eclipse' zu tun haben könnte", berichtet er im Gespräch mit dem BR.

Er habe sich mit seinem Team dann die Verkaufsstatistik genauer angeschaut und dort habe sich tatsächlich eine Auffälligkeit gezeigt, nämlich, "dass bis zum Tag des Anschlages in der Nacht auf den 10. April der Verkauf vollkommen normal lief, so wie es unsere Erfahrungswerte auch zeigen, und mit dem 10. April der Verkauf komplett eingebrochen ist", so Grossmann.

Appell: Jüdische Kultur in Deutschland weiterhin zu erhalten

Der Leiter des Orchesters und Dirigent hat deshalb vor einigen Tagen auf Instagram einen Appell gepostet, in dem er dazu aufruft, öffentliche Räume für jüdische Kultur in Deutschland weiterhin zu erhalten. "Ich hoffe und finde es besonders in diesen Zeiten wichtig, dass wir uns nicht abbringen lassen, jüdische Kultur in Deutschland in der Öffentlichkeit zu repräsentieren und zusammenzufinden und gemeinsam dieser Kultur auch einen Raum zu geben", erklärt Grossmann auf Instagram (siehe Video unten).

Auch im "Schmock" weniger Gäste als früher

Weniger Gäste als noch vor einigen Jahren, das merkt auch Florian Gleibs, der Inhaber des Restaurants "Schmock" im Münchner Volkstheater. Für Gästeschwund gebe es zwei Hauptgründe, berichtet er im Gespräch mit dem BR.

Einerseits gebe es diejenigen, die den Münchner mit seiner israelisch-arabischen Küche pauschal für die Politik des Staates Israels verantwortlich machten. Diese Erfahrung habe er schon lange gemacht, erklärt Gleibs. Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), deren Definition von "Antisemitismus" von vielen Staaten – wie auch Deutschland – übernommen wurde, führt das als ein Beispiel für Antisemitismus auf. Denn damit wird unter anderem auch unterstellt, dass jüdische Menschen keine loyalen Bürger ihres eigenen Landes seien, sondern stattdessen Israel verpflichtet seien.

Laut Florian Gleibs kommen aber andererseits auch Gäste hinzu, die zwar gerne weiterhin kommen würden, sich aber jetzt nicht mehr so sicher fühlten und deshalb wegbleiben.

Polizei: "Jüdische und israelische Einrichtungen in ganz besonderem Fokus"

Die Behörden in Deutschland sprechen von einer erhöhten Gefährdungslage für jüdische und israelische Einrichtungen, nicht zuletzt durch Terrorgruppen, die dem iranischen Mullah-Regime nahestehen. Doch wie kann die Sicherheit jüdischer oder israelischer Einrichtungen gewährleistet werden? Die Polizei habe diese Orte seit Jahren in einem ganz besonderen Fokus, erklärt dazu Sven Müller von der Polizei München: "Das sind Schutzmaßnahmen auf einem extrem hohen Niveau. Das wurde alles auch nochmal ein bisschen angepasst: 2023 nach dem Überfall der Hamas auf Israel und dann natürlich auch nochmal 2024 nach dem Anschlag auf das israelische Generalkonsulat in München." Hinzu komme, dass es immer wieder mal neue Details oder Lageerkenntnisse gebe und deshalb die Sicherheitsvorkehrungen laufend angepasst würden.

Wirt im "Eclipse": Vertrauen in den Rechtsstaat

Das Jewish Chamber Orchestra hat seit dem Aufruf von Dirigent Daniel Grossman auf Instagram wieder einige Dutzend Tickets verkauft. Einige kommentieren unter dem Post, dass es gerade in diesen Zeiten wichtig sei, zusammenzuhalten. Grossmann betont, dass er sich in seiner Arbeit als Dirigent auf der Bühne nicht unsicher fühle. Er glaube nicht, dass das jüdische Orchester ein mögliches Ziel von Angriffen sei. Privat sehe es allerdings anders aus. Da fühle er sich als Jude schon seit Oktober 2023 nicht mehr so sicher wie früher.

Und wie geht es im Eclipse weiter, nachdem zumindest die Scheiben wieder intakt sind? Wirt Grigori Dratva muss da nicht lange überlegen: "Für unser persönliches Sicherheitsgefühl war das natürlich eine interessante Frage, als wir vor allem dieses Bekenner-Video zugeschickt bekommen haben. Aber auch hier arbeiten wir sehr eng mit der Polizei, sehr eng mit den Behörden und vertrauen da auf den Rechtsstaat und fühlen uns auch sehr gut betreut", erklärt er. "Und deswegen machen wir weiter das, was wir am besten können: leckeres Essen servieren für unsere Gäste."

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