Aufgewühlt seien ihre Mitarbeitenden gewesen nach der tödlichen Gewalttat in Stade, schildert Julia Sterzer, Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) München die Stimmung. Auf dem Sommerfest der Jugendhilfe haben sie gemeinsam eine Schweigeminute für die Kolleginnen und Kollegen in Stade eingelegt.
In der AWO-Einrichtung für Minderjährige, die aus Familien genommen wurden, komme es immer wieder zu schwierigen Situationen, so Julia Sterzer. Es gebe körperliche Gewalt – etwa mit Messern. Das passiere vor allem unter den Jugendlichen. "Aber die Sozialpädagogen müssen dann ja dazwischen gehen. Das ist dann schon heikel", erzählt die Geschäftsführerin. Seit einiger Zeit haben sie eine extra Notrufeinrichtung dort.
Immer wieder Bedrohungslagen von Sozialarbeitern
Familiäre Krisen, Trennung, Sorgerechtstreitigkeiten, Kindeswohlgefährdung und Inobhutnahmen: Damit haben Sozialarbeitende in Familien- und Jugendhilfeeinrichtungen sowie die Mitarbeitenden in Jugendämtern tagtäglich zu tun. Oft führen sie Gespräche in außergewöhnlichen Belastungs- und Krisensituationen.
Die Fachkräfte erleben emotionale Anspannung, persönliche Schicksale und Widerstand gegen behördliches Handeln, berichten bayerische Jugendämter und Träger von Jugendhilfeeinrichtungen auf BR24-Anfrage. Immer wieder komme es zu verbaler Aggression, massiven Beschimpfungen, Bedrohungen per Mail und am Telefon, Nötigungen, selten zu körperlicher Gewalt. Die Mitarbeitenden sind sich der Gefahr bewusst. Die Bedrohungslagen kommen sowohl im Amt selbst wie auch in Hausbesuchssituationen vor.
Pöbeln, drohen, schubsen: Mehr Gewalt gegenüber Mitarbeitenden
Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) schlägt jetzt Alarm. Nicht nur wegen Stade, sondern weil der Ton gegenüber Sozialarbeitern seit Jahren rauer werde, berichtet der stellvertretende Landesvorstand Hilger Uhlenbrock. Es gebe vor allem mehr extreme Beleidigungen.
Der Gewerkschaftler wünscht sich für alle Jugendhilfeeinrichtungen Notfallknöpfe. In Jugendämtern herrsche aufgrund der belastenden Arbeit eine hohe Fluktuation an Mitarbeitern. Deshalb müssten die Menschen besser geschützt werden, Träger sollten gesetzlich verpflichtet werden, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelmäßig verbindliche Präventionskurse anzubieten.
Tat in Stade: Erinnerung an Geiselnahme 2017 in Pfaffenhofener Jugendamt
In Bayern weckt die Gewalttat von Stade schlimme Erinnerungen. 2017 hatte ein 28-jähriger Vater das Büro einer Sozialarbeiterin im Pfaffenhofener Jugendamt betreten und sie als Geisel genommen; mehrfach verletzte er sie dabei mit einem Messer. Auslöser war ein Sorgerechtsstreit. Mit seiner Tat wollte der an Schizophrenie erkrankte Mann erreichen, dass seine damals eineinhalb-jährige Tochter wieder bei ihm und der Mutter leben kann.
Was hat sich seit 2017 getan?
Nach der Tat hat das für das Jugendamt zuständige Landratsamt Pfaffenhofen zahlreiche Sicherungsmaßnahmen ergriffen, wie es auf BR24-Anfrage schreibt. Regelmäßig nähmen die Mitarbeiter an Sicherheitstrainings teil, zusätzliche Alarmierungsmöglichkeiten seien installiert worden. Bei besonders herausfordernden Terminen werde in Einzelfällen die Polizei hinzugezogen. Außerdem gelte eine "Null-Toleranz-Politik". Bei unangemessenem Verhalten den Mitarbeitern gäbe es Hausverbote. Bei Beleidigungen oder Bedrohungen werde sofort Strafanzeige erstellt.
Sozialarbeiter in der Jugendhilfe – kein ungefährlicher Job
Insgesamt gibt es 96 Jugendämter in Bayern. Konflikte gehören zur Arbeitsrealität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Gefahr sei immer vorhanden, antworten die meisten Behörden auf BR24-Anfrage. Verbale Angriffe, Beschimpfungen und Beleidigungen kämen gelegentlich vor. Bedrohungen seien die Ausnahme. In einzelnen Fällen werde Strafanzeige gestellt. Die Stadt Aschaffenburg beobachtet, dass die Zahl der Menschen mit multiplen Problemlagen und psychischen Erkrankungen im Bereich der Jugendhilfe stetig ansteigt. Nürnberg, Regensburg und Lindau melden, das aggressive Potential in den Jugendämtern habe zugenommen. Die Bedrohungslagen resultieren meist aus Unzufriedenheit mit behördlichen Entscheidungen und mangelnder Einsicht, schreibt die Stadt Nürnberg.
Mitarbeitende von Trägern und Jugendämtern sind aufgerüttelt
Die tödliche Gewalttat in Stade beunruhigt die Mitarbeitenden der Träger von Familien- und Jugendhilfeeinrichtungen wie Caritas, Diakonie und AWO. Sie sind nun aufmerksamer, die Sorge vor Nachahmern ist da.
Das Bayerische Landesjugendamt der Landesbehörde ZBFS (Zentrum Bayern Familie Soziales) bestätigt, dass die Mitarbeitenden der Jugendämter einer erhöhten Gefahr ausgesetzt seien. Hochkomplexe und emotionale Fälle berührten das Innerste der Menschen und ihrer Familien, schreibt ein Sprecher der Landesbehörde. Eine Zunahme an Übergriffen und Angriffe sehen sie aber nicht. Bayernweite Zahlen dazu gibt es nicht.
Schutz- und Sicherheitskonzepte in Jugendämtern
Jedes Jugendamt hat laut ZBFS sein eigenes Schutzkonzept. Dazu gehören Maßnahmen wie Einsatz von Sicherheitsdiensten, Zugangskontrollen, Notruf-Systeme, Notfall-Knopf, Schulungen, Supervisionen, Deeskalationstraining für Mitarbeitende. Besonders kritische Hausbesuche erfolgen im Zwei-Personen-Team oder mit Unterstützung der Polizei. Mit diesen Maßnahmen versuchen die Jugendämter die Gefahr möglichst zu minimieren. Das ZBFS will nun nach dem Vorfall in Stade die Vorkehrungen zu den Schutzmaßnahmen weiter optimieren.
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