Anfang vergangenen Jahres hat sich für Cihan Günes ein Traum erfüllt: Ein eigenes Geschäft in der Augsburger Maximilianstraße, in dem er Hochzeitskleider und elegante Abendroben entwirft und verkauft. Doch kurz nach der Eröffnung wird dieser Traum erschüttert.
Einer der Täter hat bereits getötet
Auf dem Heimweg, nur wenige Meter vom Laden entfernt, werden Günes und sein Lebensgefährte von vier jungen Männern angegriffen. "Halts Maul, du Scheißschwuchtel", habe einer gerufen, erinnert sich Günes, dann ging alles ganz schnell. Er und sein Freund werden krankenhausreif geschlagen.
Günes hat einen Fußabdruck im Gesicht: Die Täter haben noch auf ihn eingetreten, als er bereits am Boden lag, mit Anlauf. Später erfährt er, wer der Haupttäter ist: ein junger Mann, der bereits einen Feuerwehrmann in Augsburg getötet hat. Die Tat hatte damals bundesweit Schlagzeilen gemacht, der junge Mann war zu Jugendhaft verurteilt und gerade erst wieder aus der Haft entlassen worden. "Da hab ich wirklich verstehen müssen, was es heißt, Opfer zu sein", sagt Günes. Er habe nie gedacht, dass es ihn selbst so treffen könnte.
Wochen der Angst und des Rückzugs
Nach der Attacke verändert sich sein Alltag radikal. Wochenlang geht es ihm schlecht, erzählt er. Er zieht sich zurück, vermeidet Wege alleine durch die Stadt, verschanzt sich in seinem Laden. Der Ort, an dem sich sein beruflicher Traum erfüllt hat, wird zum Schutzraum. In dieser Phase ringt Günes mit der Frage, wie er wieder Vertrauen fassen kann – in andere Menschen, aber auch in sich selbst und seine Kraft. Die körperlichen Verletzungen heilen, die seelischen brauchen länger.
Das Atelier als "Safe-Base"
Nach und nach gelingt es ihm, im Studio wieder zur Ruhe zu kommen. Zwischen Stoffballen, Skizzen und Nähmaschinen findet er langsam zu seiner Passion zurück, der Couture-Mode. "Ich war länger hier im Laden", erzählt Günes. "Das ist so meine Safe-Base: Weil ich mich hier sicher gefühlt habe, habe ich meine kreative Ader wieder gefunden, habe mit den Fashionshows angefangen." Schritt für Schritt wagt er sich zurück in die Öffentlichkeit.
Farbenprächtige Kleider, wachsende Nachfrage
Auf seinen Shows präsentiert Cihan Günes opulente Abendkleider, reich verzierte Couture und kristallbesetzte Edelkreationen. Die Resonanz überrascht ihn selbst: "Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass so viele Kundinnen jetzt sagen: Ich möchte ein Kleid von dir", sagt Günes. "Ich habe nicht gedacht, dass das so schnell Fahrt aufnimmt." Die Nachfrage trägt ihn über Augsburg hinaus: Für kommende Shows geht es bis nach Lissabon und Paris.
Vertrauen in die Menschen zurückgewonnen
Die Gewalt hat Günes geprägt, aber nicht verbittert. Es habe Zeit gebraucht, den Menschen wieder zu vertrauen. "Ich musste wieder lernen: Die meisten Menschen wollen ja gar nichts Böses", sagt er. Heute möchte er anderen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass ein Leben nach einer solchen Tat weitergehen kann.
Täter verurteilt, Opfer gestärkt
Geholfen hat Günes auch, dass Polizei und Justiz den Fall schnell aufgearbeitet haben. Wegen des homophoben Tatmotivs wurde er als Hasskriminalität eingestuft, auch die Generalstaatsanwaltschaft München war beteiligt.
Die Täter sind inzwischen rechtskräftig verurteilt. Für Günes zeigt das: Der Staat nimmt solche Angriffe ernst. Augsburgs Kripo-Chef Huber warnt zugleich vor den Folgen von Hasskriminalität. Sie trage zur Spaltung der Gesellschaft bei und sei "eine sehr bedrohliche Entwicklung für den demokratischen Rechtsstaat".
Mehr homophobe Straftaten
Bayernweit gesehen gibt es einen deutlichen Anstieg der Gewalt gegen Homosexuelle: Zwischen 2010 und 2021 hat sich die Zahl der von der Polizei registrierten Straftaten gegen queere Menschen in Bayern laut Regierungsangaben versiebenfacht, so die Bayerische Staatszeitung.
Die bayernweite Beratungsstelle "Strong!" verzeichnet für das Jahr 2025 insgesamt 181 queerfeindliche Straftaten, die offiziell bei der Polizei zur Anzeige gebracht wurden. Experten weisen zudem auf eine mutmaßlich hohe Dunkelziffer hin, ein Großteil der Vorfälle also gar nicht angezeigt werde – oft aus Scham, Angst vor Reaktionen oder fehlendem Vertrauen.
"Man wird stärker" – ein neuer Weg nach vorn
Ganz hinter sich lassen kann Günes die Attacke nicht. Manche Situationen lösen die Erinnerungen bis heute wieder aus. "Man vergisst es nicht, man lernt draus und wird stärker", sagt er. Unterkriegen lassen will er sich dennoch nicht: Heute arbeitet er wieder in seinem Atelier, plant Shows und spricht offen über das Erlebte. Seine Botschaft: Gewalt und Hass können ein Leben erschüttern, aber nicht zerstören.
Wo gibt es Hilfe?
Wer selbst betroffen ist oder Zeuge von Anfeindungen oder Gewalt wird, kann sich an das bayernweite LGBTIQ-Gewalttelefon (Strong!) wenden mit der Telefonnummer 0800/00 11 203 oder per Email an: kontakt@strong-community.de. Ansprechpartner sind auch die örtlichen Polizeiinspektionen oder der Weiße Ring in Bayern.
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