Notfallsanitäter Tim Partholl.
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Notfallsanitäter: Staatsexamen für kleine Blessuren?

Notfallsanitäter: Staatsexamen für kleine Blessuren?

Die Ausbildung zum Notfallsanitäter ist anspruchsvoll. Man lernt in Extremsituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und Leben zu retten. In der Realität wird der Rettungsdienst aber immer häufiger zu kleineren Blessuren gerufen. Das sorgt für Frust.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau aktuell am .

Freitag, Spätschicht beim Rettungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes im unterfränkischen Obernburg: Notfallsanitäter Tim Partholl und sein Kollege werden über den Piepser alarmiert. Ein kleiner Junge hat Schwellungen, am Ohr, am Arm und an der Hand. Vor Ort ist schnell klar: Das ist kein Einsatz für den Rettungsdienst. "Es gibt keine Hinweise auf ein schweres medizinisches Problem. Deswegen kann die Familie abwarten und am Montag zum Kinderarzt mit ihm."

Der Einsatz endet gegen 15 Uhr. Die kassenärztliche Bereitschaftspraxis – zuständig für solche Fälle – ist noch nicht besetzt. Für Tim wird es an diesem Tag nicht der letzte Einsatz sein, für den er überqualifiziert ist.

Anspruchsvolle Ausbildung

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Notfallsanitäter [externer Link],mit anschließendem Staatsexamen. In Notfällen sind die fertig ausgebildeten Sanitäter dann befugt, eigenständig medizinische Maßnahmen durchzuführen und bestimmte Medikamente zu verabreichen.

Im Rettungswagen übernehmen Notfallsanitäter die medizinische Leitung. Sie werden so geschult, dass sie in allen medizinischen Fachbereichen schnelle, lebensrettende Maßnahmen durchführen können, vor der Behandlung in der Klinik. Dazu durchlaufen die Frauen und Männer die praktische Ausbildung auf der Rettungswache, in einer Klinik, und in der Schule Theorie und Simulationen.

Für ganz Unterfranken nur eine Schule

Für ganz Unterfranken gibt es nur eine Schule, die Notfallsanitäter ausbildet: Die BRK Berufsfachschule in Würzburg. Um die Schülerinnen und Schüler auf reale Notfälle und Katastrophen vorzubereiten, hat die Schule in Würzburg ein eigenes Simulationszentrum mit mehreren Räumen. Hier gibt es einen Rettungswagen, eine Notaufnahme in einer Klinik wurde nachgebaut, eine Privat-Wohnung. Dazu kommen Windmaschinen und Lautsprecher, um in der Simulation möglichst realitätsgetreue Störfaktoren zu schaffen.

Schulleiter Bernd Schleisinger erklärt: "In Stresssituationen müssen Notfallsanitäter die Kontrolle über ihren eigenen Körper und Geist behalten, damit sie in der Lage sind, anderen Menschen zu helfen."

Im Video: Frust im Rettungsdienst - Harte Ausbildung für Wehwehchen?

Frust im Rettungsdienst: Harte Ausbildung für Wehwehchen?
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Frust im Rettungsdienst: Harte Ausbildung für Wehwehchen?

Großes Interesse am Beruf Notfallsanitäter

Weil die Nachfrage nach der Ausbildung so groß ist, hat die Schule seit 2023 zwei Ausbildungsklassen. Der erste Doppeljahrgang wird 2026 fertig sein. Die Absolventen sind danach auf das Leben in der Notfallmedizin vorbereitet, decken alle Fachbereiche ab: Von der Geburt über Geriatrie, Chirurgie, innere Medizin und Neurologie.

Jörg Holländer ist Lehrer an der BRK-Schule in Würzburg. Er stellt klar, die ausgebildeten Notfallsanitäter können nicht in die Tiefe gehen, wie ein behandelnder Arzt in einer Klinik. "Wenn wir aber alles gut gemacht haben, sind sie gute Allwetterreifen, die von allem etwas können und die erste halbe Stunde im Notfall gut selbst abdecken können."

Große Auslastung durch kleine Einsätze

Notfallsanitäter Tim Partholl beendet in Obernburg im Kreis Miltenberg seine Spätschicht um 22 Uhr: Neben dem kleinen Jungen mit den Schwellungen wurden er und sein Kollege noch als Tragehilfe angefordert, um eine Dialyse-Patientin die Treppe hochzutragen. Genau solche Einsätze sorgen für immer mehr Auslastung bei den Rettungsdiensten und auch für Frustration bei den gut ausgebildeten Fachkräften. Der Rettungsdienst müsse immer mehr solche Arbeit abfangen, berichtet Tim Partholl. Das erzeuge "Frust, weil das ist nicht das, wofür wir den Beruf mal gelernt haben."

Notfallsanitäter sind heiß begehrt

Dabei kämpft der Rettungsdienst mit einem Fachkräftemangel bei den Notfallsanitätern. Das beklagt auch Björn Bartels, Leiter der Rettungsdienste Obernburg. Für ihn ist es nicht immer leicht, den Dienstplan zu erstellen. Auf der einen Seite gebe es im Landkreis Miltenberg, für den das BRK dort zuständig ist, immer mehr Einsätze. Auf der anderen Seite gehe auch bei den Notfallsanitätern die Generation "Babyboomer" in Rente und andere Bereiche werben die Fachkräfte gerne ab, sagt Bartels. Dazu gehörten Kliniken, Leitstellen, Berufsfeuerwehren oder auch Flughäfen. Das seien viele Bereiche, die an den Rettungsdienst angrenzen, aber nicht dazu gehören. Aktuell bilde aber nur der Rettungsdienst in der Region diese Kräfte aus, erklärt Bartels.

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