Immer wieder gibt es um den Nürnberger Hauptbahnhof Probleme mit Drogen. Seit ein paar Jahren auch im Zusammenhang mit dem sogenanntem "Grooming". Das heißt, Erwachsene machen Minderjährigen Geschenke und erwarten dann Gegenleistungen, oft sexueller Art. So ist es auch in der Gegend um den Nürnberger Hauptbahnhof – hier soll sich ein "Grooming"-Hotspot entwickelt haben.
"Man geht davon aus, dass junge Männer die Mädchen ansprechen, ihnen Drogen anbieten", sagt Oberstaatsanwältin und Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth, Heike Klotzbücher. "Die Männer erschleichen sich das Vertrauen der Mädchen mit Geschenken und Drogen. Sobald die Mädchen die Drogen aufgrund des Suchtpotenzials brauchen, werden sexuelle Handlungen als Gegenleistung verlangt."
Mädchen auch aus stabilen Familienverhältnissen
Ein Phänomen, das bundesweit bekannt sei, schildert Silvia Kaubisch, stellvertretende Geschäftsführerin von Lilith e.V.. Der gemeinnützige Verein betreut in Nürnberg drogenkonsumierende Mädchen und Frauen und will sie auf dem Weg in ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben unterstützen.
Laut Kaubisch stammen die Opfer nicht immer aus einem prekären Umfeld: "Wir haben auch Mädchen, die sind aus sehr stabilen Familienverhältnissen, zumindest nach außen. Es ist eine sehr heterogene Gruppe."
Wunsch nach Beziehung als möglicher Grund
Warum die Mädchen sich auf die Männer einlassen, lasse sich nicht so leicht beantworten. Eine Hypothese sei, so Kaubisch, dass die Jugendlichen unter anderem in den Sozialen Medien damit konfrontiert werden, was sie bieten müssten, um für Männer attraktiv zu sein. Hinzu komme das Wissen aus der Zeit nach der Corona-Pandemie. Die Sozialpädagogin Silvia Kaubisch meint damit die Nachwirkungen von Lockdowns und Unterricht zu Hause, also die weitestgehende Isolation von Freunden und Mitschülern.
Das belegt auch die aktuelle Jugendtrendstudie 2026 vom Institut für Generationenforschung in Augsburg. Demnach ist keine Generation so einsam wie die Gen Z, also die 16- bis 29-Jährigen. "Viele junge Menschen sind instabil", beobachtet die stellvertretende Geschäftsführerin von Lillith e.V. in Nürnberg. Sie hätten Ängste und Sorgen und wollten dazugehören. Aus dieser Situation heraus kann Kaubisch sich vorstellen, dass die Mädchen Kontakte suchen. Mit der Hoffnung auf eine "gelingende, zärtliche, schöne Beziehung".
Prävention und Schutz vor Ort
Um die "Grooming"-Szene am Nürnberger Hauptbahnhof in den Griff zu bekommen, wurde Mitte Mai die Ermittlungskommission (EKO) "Kajal" gegründet. Kurz darauf konnten elf Tatverdächtige ermittelt werden. Drei von ihnen sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. Bei den anderen hat es noch nicht für einen Haftbefehl gereicht. Die aktuellen Ermittlungen richten sich laut Angaben der Polizei gegen geflüchtete Männer aus Syrien, Pakistan, Serbien und dem Gazastreifen. Der jüngste Tatverdächtige ist 18 Jahre, der älteste 35 Jahre alt.
Es gehe, so Oberstaatsanwältin Klotzbücher, um das unerlaubte Überlassen von Betäubungsmitteln an Minderjährige – ein Tatbestand, auf den mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe steht. Zudem gehe es um Sexualdelikte, also den sexuellen Missbrauch von Kindern (unter 14 Jahren) und Jugendlichen. Aber auch um Vergewaltigung.
Schwierige juristische Situation
Doch selbst wenn Tatverdächtigte gefasst sind, gibt es noch Probleme. Denn während der Tat sind Täter und Opfer meist allein. Es stehe also zunächst Aussage gegen Aussage, erklärt Klotzbücher. In solchen Situationen sei es wichtig, möglichst schnell Anzeige zu erstatten, rät die Oberstaatsanwältin. Das sei für die Minderjährigen aber oft gar nicht so einfach, viele trauten sich nicht, zur Polizei zu gehen, so Klotzbücher. "Die Mädchen werden Opfer von Dingen, die sie nicht haben kommen sehen. Viele möchten eine romantische Beziehung, haben sich vielleicht verliebt und sind dann in etwas hineingeraten", sagt Silvia Kaubisch von Lilith e.V.
Prävention schon in der Erziehung
Um dann zu erkennen und benennen zu können, dass ein Übergriff stattgefunden hat, brauche es viel Mut. "Mit dem Thema ist noch so viel Scham verbunden", sagt Sozialpädagogin Kaubisch. Um zu verhindern, dass Mädchen gar nicht erst auf Geschenke und Angebote der erwachsenen Männer eingehen, bittet Kaubisch Eltern und andere Bezugspersonen, ihre Kinder diesbezüglich zu stärken. Diese müssten schon früh einen Rahmen schaffen, in dem sie sich Kinder trauen, über alles zu sprechen und eigene Grenzen ziehen zu dürfen. "Damit sie lernen: Wenn ich Nein sage, ist das auch Nein."
Kein Phänomen einer bestimmten Nationalität
Das Problem der sexuellen Ausbeutung von Frauen und des Groomings beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Nationalität, betont Silvia Kaubisch von Lilith e.V.: "Meistens stammen die Täter aus dem sozialen Umfeld. Ich kann nicht darauf schließen, dass dieses Phänomen etwas mit irgendeiner Nationalität, einem Alter oder regionalen Besonderheit zu tun hat."
Dieser Artikel wurde am 05.06.26 aktualisiert.
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