Als am 22. Juli 2016 ein Mann am Münchner Olympiaeinkaufszentrum neun Menschen ermordet, bricht in der ganzen Stadt Chaos aus. Tausende Videos und Fotos aus München werden im Netz geteilt, Tweets abgesetzt und Nachrichten auf Messengerdiensten verschickt. Die meisten mit dem Ziel, Menschen zu warnen. Das Problem: Vieles davon sind Falschinformationen, die von Usern aus ganz Deutschland geteilt werden.
Rund 70 "Phantomtatorte" in München
An dem Abend gehen bei der Polizei über 4.000 Notrufe ein, in denen Menschen teilweise von Schüssen, Toten oder Verletzten berichten. Am Stachus, Marienplatz, Isartor oder Hofbräuhaus verfallen Menschen in Panik.
Die Polizei rückt zu rund 70 Tatorten aus. Die Lage ist lange unklar, der Täter auf der Flucht. Durch die Menge an Notrufen sind viele Einsatzkräfte gebunden – eine zusätzliche Herausforderung für die Polizei. Am Ende stellt sich heraus: Nur der Tatort am OEZ ist echt, die anderen sind nur "Phantomtatorte".
Social Media: ein Faktor für "Phantomtatorte"?
Marcus da Gloria Martins war damals Polizeipressesprecher und das Gesicht der Einsatzkräfte an dem Abend. Eine Großlage mit so vielen "Phantomtatorten" wie 2016 hat er weder davor noch danach nochmal erlebt. Er sieht mehrere Faktoren als Auslöser dafür, dass München damals so im Chaos versank.
Das OEZ-Attentat sei in eine Zeit gefallen, in der Terroranschläge in Paris, Brüssel und Nizza bei vielen für Verunsicherung gesorgt hätten. "Da braucht man einen sehr, sehr kleinen Funken, dass das in lodernde Angst umschlägt", so da Gloria Martins. Zusätzlich kamen Falschinformationen auf Social Media und auch in privaten Chats, etwa auf WhatsApp, hinzu.
Heute, zehn Jahre nach dem OEZ-Attentat, hat sich die Social Media-Welt noch mehr verändert. Mit KI können Bilder noch leichter gefälscht oder aus dem Kontext gerissen werden. Doch schon am 22. Juli 2016 wurde unter anderem das Foto einer blutigen Rolltreppe geteilt – vermeintlich aus München. Tatsächlich stammte das Foto aber von einem Raubüberfall in Südafrika.
Hat die Feuerwehr die Lösung?
Florentin von Kaufmann, Abteilungsleiter bei der Branddirektion München, erinnert sich, dass das Foto von der Rolltreppe damals viral ging. In einer Einsatzsituation beeinflussen solche Fehlinformationen "natürlich stark", so von Kaufmann.
Seit 2019 gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr in München das sogenannte "Virtual Operations Support Team", kurz VOST. Die Einheit kommt bei Großlagen, wie zum Beispiel Überschwemmungen, aber auch Terrorlangen zum Einsatz. Ein Team von rund 20 Mitgliedern untersucht dann etwa Bilder und Videos auf ihre Echtheit und informiert andere Einsatzkräfte und die Bevölkerung. Fehlinformationen sollen so frühzeitig entdeckt werden.
Kurze Hosen im Februar – Falschinfos erkennen
Ein Beispiel vom Anschlag auf die verdi-Demo im Februar 2025 in München zeigt: Nutzer posteten teilweise Fotos, die nicht vom Tatort waren, erläutert Benedict Gross, der das VOST leitet. Erkennbar auf einem Foto der Olympiaturm, weit weg vom Tatort. Und Einsatzkräfte in kurzen Hosen – kurze Hosen trug im Februar niemand.
Ob VOST eine Panik wie 2016 verhindern kann, ist nicht klar. Zumal die Auslöser für das Chaos in der Stadt damals so vielfältig waren. Aber die Hoffnung ist da, dass man mit dem Team potentielle Falschinformationen auf Social Media schneller verifizieren und damit auch die "Phantomtatorte" minimieren kann, so Florentin von Kaufmann.
Auch die bayerische Polizei hat ihre Arbeit auf Social Media in den letzten zehn Jahren verstärkt. 2016 war das Polizeipräsidium München noch eines der wenigen mit Twitter-Account. Seit 2017 sind alle bayerischen Polizeipräsidien auf Social Media vertreten.
Anerkennung als rassistischer Anschlag dauerte
Das OEZ-Attentat wurde 2019 vom Landeskriminalamt als politisch motivierte Gewaltkriminalität eingestuft. Der Täter, ein 18-Jähriger Deutsch-Iraner, erschoss gezielt Menschen mit Migrationsgeschichte.
Viele Hinterbliebene und Überlebende haben auch heute noch offene Fragen zum Tathergang und dem Einsatz. Sie fordern von der Bayerischen Landesregierung einen Untersuchungsausschuss. Auf BR24-Anfrage gaben alle im Landtag vertretenen Fraktionen an, keinen Untersuchungsausschuss anzustreben.
BR24 auf YouTube: 10 Jahre OEZ-Anschlag – Chaos, Phantom-Tatorte und der Kampf um Erinnerung
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