Und plötzlich sah man Thomas Tuchel lachen. Den Grinser bekam der gebürtige Krumbacher am Samstag gar nicht mehr aus dem Gesicht, jedes Mal, wenn er im Rahmen der TV-Übertragung eingeblendet wurde, zeigten die Mundwinkel stramm nach oben: Er scherzte mit Declan Rice, herzte FC-Bayern-Star Harry Kane, lachte mit John Stones. So ausgelassen sah man den 52-jährigen Schwaben selten.
Tuchel hat die englische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2026 zum dritten Platz und damit zum besten WM-Ergebnis seit 60 Jahren geführt. Ein Trostpreis nach dem bitteren Ausscheiden gegen Argentinien im Semifinale, nach einer Welle der Empörung, der Enttäuschung und der Kritik. "Es ist die erste Medaille seit 60 Jahren, die beste WM auf fremdem Boden", sagte Tuchel nach dem 6:4 (4:0) gegen Frankreich und versuchte damit auf das Positive im Turnier zu lenken: "Ich hoffe, dass die Spieler darauf stolz sind. Vor 18 Monaten haben wir das größte Ziel ausgerufen, wir waren sehr, sehr ambitioniert."
Thomas Tuchel: "Die Narbe bleibt"
Dass es nicht für den Titel gereicht habe, sei "sehr schmerzhaft", der Schmerz werde "vergehen, aber die Narbe bleibt". Tuchel lobte seine Mannschaft, die "etwas ganz Besonderes geschaffen und das erneut gezeigt hat". Er richtete ein "massives Kompliment für die Mentalität" an sein Team. "Das", fügte Tuchel an, "war absolut brillant."
Dabei saß den Engländern die Niederlage gegen Argentinien noch so tief in den Knochen, dass Tuchel vor dem Duell gar keinen Sinn in dem undankbaren Spiel um den dritten Platz sah.
England führte 4:0 zur Halbzeit
Fehlende Motivation konnte man seinen Spielern dann nicht unterstellen. Ganz im Gegenteil: Man hatte vielmehr das Gefühl, die Three Lions wollten sich mit einem furiosen Auftritt gegen die Equipe bei ihren Fans entschuldigen, die Nacht von Atlanta vergessen machen. Ganze zehn Tore fielen im Duell der beiden Top-Mannschaften. In der ersten Halbzeit überrollte England die Franzosen förmlich, ging mit einer 4:0-Führung in die Pause - und das ohne das Zutun von Harry Kane und Jude Bellingham, die von der Bank aus zusahen. Plötzlich zeigte die Mannschaft genau das, was Tuchel immer versprochen hatte: "exciting Fußball" - also aufregenden Fußball. Vor dem Turnier hatte der Neu-Coach immerhin angekündigt, es anders machen zu wollen als der oft brav wirkende Vorgänger Gareth Southgate.
Das gelang am Samstag so gut, dass selbst Kylian Mbappé nach dem dritten Tor nur mehr verblüfft dreinschaute. Der Real-Madrid-Star und seine Kollegen wollten diese Schmach - zumal es sich auch um das letzte Spiel von Didier Deschamps als Frankreich-Trainer handelte - nicht auf sich sitzen lassen und konnten innerhalb kurzer Zeit auf 3:4 verkürzen. In der zweiten Hälfte zeigten beide Mannschaften Großes-Finale-Mentalität - mit dem Happy End für England: der dritte Platz, das beste Ergebnis seit Jahrzehnten, Balsam auf der zerrütteten Seele von Thomas Tuchel.
Von "Sack him" zu Jubelstimmung
Der Coach der Three Lions war nach dem Semifinal-Aus von sämtlichen Experten, von ehemaligen Top-Spielern, von Legenden des Sports heftig kritisiert worden: Schon kurz nach Abpfiff forderten nicht wenige von ihnen: "Sack him!" (Feuert ihn!). England-Legende Wayne Rooney etwa sagte bei der BBC: "Tuchel hat aufgegeben und Englands WM-Traum ruiniert."
Am Tag nach der herben Enttäuschung gegen Argentinien kam raus, Tuchel soll trotzdem bis zur Europameisterschaft 2028 bleiben. Tuchel dürfte ein Wechselbad der Gefühle erlebt haben: Er wurde auf der Insel mit britischer Vorsicht Willkommen geheißen, ihm wurde Skepsis entgegengebracht, nachdem er seinen WM-Kader verkündete und Stars wie Phil Foden oder Harry Maguire daheimließ. Er wurde zum Hoffnungsträger stilisiert, nachdem emotionale Kabinenansprachen und Interviews des deutschen Trainers viral gingen und er wurde zum Allheilsbringer ernannt, nachdem er gegen Kroatien - eine Mannschaft, die englischen Fans in der Vergangenheit viele schlaflose Nächte bereitete - einen furiosen 4:2-Auftakterfolg mit offensiv brillantem und spannendem Fußball hinlegte.
Britische Boulevardpresse feuerte gegen Tuchel
Es folgten solide, wenn auch nicht überragende Spiele - bis zu jener Nacht im Azteken Stadion in Mexiko-Stadt, in der England zu zehnt eine 3:2-Führung gegen die mexikanische Nationalmannschaft mit allem, was sie hatten, verteidigten. Dann der verdiente Sieg gegen Norwegen im Viertelfinale und der Tiefpunkt in der Runde der letzten Vier: Ausgerechnet gegen Argentinien verspielten Harry Kane und Co. eine 1:0-Führung. Die südamerikanischen Rivalen drehten das Spiel in den letzten zehn Spielminuten auf 2:1 und ließen die Löwen wimmernd und Pfoten leckend zurück.
Tuchel wurde zum Buhmann der Nation, die knallharte britische Boulevardpresse bezeichnete den Auftritt als Vollkatastrophe. Vom Neuen, zum Hoffnungsträger, zum Allheilsbringer, zum Buhmann - und schließlich wieder zum Gefeierten. Kaum ein Trainer dürfte bei der WM eine solche Metamorphose erlebt haben.
Nächste Chance bei der Heim-EM 2028
Auf dem Trikot der englischen Nationalmannschaft bleibt der eine Stern über dem Wappen mit den drei Löwen. Den "60 years of hurt" konnte der Mann aus Krumbach, der einst in der Jugend des FC Augsburg spielte, neben den Münchnern auch Paris Saint-Germain, den FC Chelsea und Mainz trainierte, kein Ende setzen. Darüber kann auch die Bronzemedaille, die am Samstag um den Hals von Harry Kane, Declan Rice und Co. hing, nicht hinwegtäuschen. Was jedoch die Schmach gegen Argentinien endgültig vergessen machen könnte, wäre ein Sieg bei der Heim-EM 2028 - für die Tuchel Trainer bleibt.
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