Schon aus der Entfernung sieht Wilfried Schwandtner, dass er eingreifen muss: "Wir sehen jetzt da hinten wieder drei Personen, die nicht ins Wasser gehören. Und die müssen wir jetzt rausholen." Denn die Badegäste haben sich im Chiemsee abkühlen wollen – ausgerechnet im Naturschutzgebiet.
Schwandtner muss eingreifen. Er und seine Kollegin Katharina Schwengler sind Chiemsee-Ranger und patrouillieren heute am Ufer bei Übersee am Chiemsee. Von Nahem erkennt man sie an ihrer Kleidung und dem Logo auf Shirt und Kappe. Von Weitem hört man sie vor allem: Immer wieder müssen sie die Pfeife rausholen, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei hat der Sommer gerade erst begonnen. "Kontrovers – Die Story" begleitet die Chiemsee-Ranger auf Patrouille.
Naturschutz und Spaß: Ein Chiemsee für alle
Seit 2023 patrouillieren die Ranger an rund 40 Tagen im Jahr rund um den See – nebenberuflich, für 20 Euro brutto die Stunde. Das Projekt ist ein Versuch der Chiemsee-Gemeinden, mit den Besuchermassen umzugehen. Die Mission der Ranger: Badegäste, Radler und Wassersportler sanft, aber bestimmt darauf hinweisen, was erlaubt ist und was nicht. Etwa fünf Quadratkilometer des Sees sind Sperrzone, manche Strände sind als Kernzonen ausgewiesen und dürfen nicht betreten werden, bestimmte Buchten haben zwischen März und Juli Badeverbot – zum Schutz der jungen Fischbrut.
Gerade das ist für Wilfried Schwandtner eine Herzensangelegenheit, denn er ist selbst passionierter Angler: "Hier sind viele Brutfische, die haben sonst überhaupt keinen Rückzugsort am Chiemsee." Seine Kollegin Katharina Schwengler ergänzt, dass Corona dem See eine Welle neuer Gäste beschert habe: "Die Zahlen sind extrem angestiegen." Für das Team der Chiemsee-Ranger bedeuten mehr Besucher aber auch mehr Aufklärungsbedarf.
Die freundlichen Showstopper
Zeitgleich sind bei Felden im Südwesten des Sees Karl Büttner und Werner Englisch im Einsatz. Auch die beiden sind Chiemsee-Ranger. Ihr Revier ist jedoch eine Fußgängerzone an der Seepromenade. Von manchen Rad- oder Rollerfahrern wird die Fußgängerzone jedoch missverstanden. Dabei ist das Radfahren hier aus gutem Grund verboten: Am See liegen viele Kurkliniken – es gilt unter anderem, Kollisionen zwischen Rollator und Fahrrad zu verhindern. Für die Ranger ist das eine Herausforderung, denn sie müssen Leute ermahnen, die eigentlich in Urlaubsstimmung sind. "Man ist der Showstopper und hat damit den schwarzen Peter", sagt Werner Englisch. Immer wieder müssen die Ranger mit den Urlaubern verhandeln.
Die Kontrovers-Story im Video: Die Chiemsee-Ranger im Einsatz
Chiemsee-Ranger Karl Büttner hat seine Herangehensweise perfektioniert: "Servus! Das ist eine Fußgängerzone. Das ist sehr nett von Ihnen. Vielen Dank. Schönen Sonntag euch." Die meisten Regelbrecher schafft er zu überzeugen – mit Charme und entwaffnender Freundlichkeit. "Wenn man was aus Liebe tut und voller Freude, dann ist es nicht schwer. Dann kriegt man das auch meistens zurück", sagt er in der Reportage von "Kontrovers – Die Story". Was er nicht erwähnt: Seine Gelassenheit kann er sich leisten, denn er war bayerischer Vizemeister im Kickboxen.
Doch nicht alle zeigen sich einsichtig. Ein Radfahrer etwa steigt nur widerwillig vom Fahrrad: "Ich schiebe, damit Sie befriedigt sind", sagt er. Und ein Rollerfahrer in Prien wartet gar, bis die Ranger abgelenkt sind, bevor er eben doch weiterfährt. Und doch: Die meisten zeigen sich einsichtig.
Die Chiemsee-Ranger: Vorbild-Projekt und Erfolgsmodell
Bei Übersee kommen die Badegäste im Bereich des Naturschutzgebiets ans Ufer. Wilfried Schwandtner und seine Kollegin erklären ihnen, wo das Problem ist. Dafür wurden die Chiemsee-Ranger speziell in Kommunikation geschult. Damit sowohl Natur als auch Freizeit hier am Chiemsee funktionieren können, braucht es ein gutes Miteinander.
Genau das ist die Strategie der Ranger: aufklären statt auftreten, informieren statt einschüchtern. Juristisch sind sie keine Staatsmacht, Strafen können sie nicht verhängen. Sie müssen mit Worten überzeugen – und das gelingt in der Regel auch. Am Chiemsee gilt das Projekt als Erfolg. Andere Regionen planen bereits, ein ähnliches Modell umzusetzen. Dann hört man nicht nur am Chiemsee die Pfeife trillern.
Im Video: Chiemsee-Ranger in Aktion
Chiemsee-Ranger in Aktion
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