Im Landkreis Altötting steckt die Energiewende in einem besonderen Spagat: PFOA, eine zur PFAS-Gruppe gehörende, als krebserregend eingestufte Industriechemikalie, belastet den Boden in Teilen der Region stark. Betroffen ist ein großflächiges Gebiet rund um den Chemiepark Gendorf – dort wurde PFOA über Jahrzehnte hergestellt und eingesetzt.
Die Stoffe gelangten dabei vor allem über die Abluft in die Umwelt, verunreinigten Trinkwasser und Boden. Die Belastung erstreckt sich über mehrere Gemeinden. Gleichzeitig soll ausgerechnet in diesem Raum eines der größten Windkraftprojekte Bayerns entstehen: Im Altöttinger und Burghauser Forst sind derzeit 27 Windräder geplant.
PFOA: Herausforderung für Windparkbetreiber Qair
Beim Bau von Windrädern wird Boden bewegt: für Fundamente, Zuwegungen und Kranstellflächen. In einem PFOA-belasteten Gebiet muss aber genau verhindert werden, dass belastetes Material verteilt oder ausgewaschen wird. Qair beschreibt die Situation als Neuland: Ein solcher Windpark in einem so belasteten Gebiet habe es in Deutschland "so noch nicht" gegeben, betont Projektleiter Peter Reidelbach – rund zwei Jahre seien deshalb in Gutachten, Abstimmungen und Antragsunterlagen geflossen, um überhaupt genehmigungsfähig zu werden.
Windparkbetreiber Qair wartet auf Bodenproben
Qair will sich nicht früh auf eine einzige Bauweise festlegen: Welche Variante am Ende gebaut wird, soll erst kurz vor dem Start für jeden Windradstandort separat entschieden werden – je nachdem, was die letzten Bodenproben zeigen. Konkret lässt Qair deshalb vier Fundament-Varianten, auf welche Weise die Windradfundamente am Ende eingebaut werden, genehmigen. Dahinter stehen zwei Grundentscheidungen: Wird das Fundament klassisch in Standardtiefe gebaut oder erhöht, um Aushub zu sparen? Und: Wird belastete Erde sofort fachgerecht abgefahren und entsorgt – oder technisch gesichert am Standort gelagert und erst beim Rückbau entsorgt?
Projektleiter Reidelbach betont vor allem eins: Ziel sei es, so wenig Erdbewegung wie möglich zu erzeugen. Wenn trotzdem belasteter Aushub anfällt, wäre für ihn der beste Weg, diesen direkt fachgerecht abzufahren und zu entsorgen – wenn das praktisch und bezahlbar ist. Die Variante, Erde gesichert am Standort zu belassen und erst beim Rückbau zu entsorgen, hält der Projektleiter als Alternative offen.
PFAS-Monodeponie in Altötting
Parallel versucht der Landkreis Altötting das Grundproblem vieler Bauherren zu lösen: Wohin mit belastetem Aushub? Denn das betrifft nicht nur Windräder, sondern auch Kommunalprojekte, Betriebe und private Baustellen. Der Altöttinger Kreistag hat deshalb den Grundsatzbeschluss gefasst, eine PFAS-Monodeponie auf den Weg zu bringen. Gleichzeitig laufen Verhandlungen, dass die Industrie als Verursacher die Kosten tragen soll.
Die Monodeponie soll in der Kiesgrube Daxenthal auf Haiminger Gemeindegebiet entstehen; dort dürfte dann ausschließlich stark PFAS-belasteter Bodenaushub landen, der weder wiederverwendet noch verwertet werden kann. Für Planung und Bau sind 35 Millionen Euro angesetzt. Vorgesehen ist ein Fassungsvermögen von rund 1,8 Millionen Kubikmetern. Für private Bauherren könnte das vor allem eines bringen: mehr Planungssicherheit, weil es perspektivisch einen regionalen Entsorgungsweg gäbe, wenn bei Hausbau oder Kelleraushub tatsächlich hoch belastetes Material anfällt – statt lange nach passenden Deponien suchen zu müssen.
Deponie kommt für den Windpark wohl zu spät
Aus Qair-Sicht könnte Daxenthal später helfen – aber als alleinige Lösung für den Windpark reicht es kurzfristig eher nicht. Qair plant, bei erteilter Genehmigung Anfang 2027 in die Umsetzung zu gehen, also die ersten Rodungen und Vorbereitungen durchzuführen. Im Frühjahr 2027 soll dann nach finalen Bodenproben die konkrete Bauweise je Standort festgelegt werden. Die Genehmigung für die Monodeponie wird dagegen erst später erwartet, weil das Verfahren noch läuft. Mit einem Baubeginn wird frühestens Anfang 2027 gerechnet. Die Zeitachsen für Bodenaushub, Windräder und Monodeponie greifen nur begrenzt ineinander – Qair muss sich für die Startphase auf andere Entsorgungswege außerhalb der Region einstellen.
Kritik der Gegner – und Qairs Gegenposition
Gegner des Windparks befürchten vor allem, dass durch Bauarbeiten belastetes Material aufgewühlt und bei Regen ausgespült werden könnte – Richtung Grund- und Trinkwasser. Kritisch gesehen wird auch die Variante, belastete Erde am Standort zu belassen: Das wäre nur sicher, wenn Abdichtung, Kontrolle und späterer Rückbau wirklich zuverlässig funktionieren – und nicht am Ende die Kosten die Entscheidung diktieren. Qair hält dagegen: Genau deshalb setze man auf so wenig Erdbewegung wie möglich, auf strikte Trennung und Sicherung – und lasse mehrere Varianten genehmigen, um nach Messwerten vor Ort die verträglichste Lösung zu wählen.
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