"Ich saß in der Arbeit und mir sind die Tränen runtergelaufen. Ich konnte nicht sagen, warum", berichtet Magdalena Reiler, die eigentlich anders heißt. Ihre Zeit in der Marketingabteilung einer Münchner Firma war sehr hart.
Sie erinnert sich etwa an einen Termin im Büro ihres Chefs. Dieser telefonierte die ganze Zeit, während sie wartete. Nach einer gewissen Zeit ging sie schließlich zurück in ihr Büro, weil sie viel zu tun hatte. Ihr Chef stellte sie daraufhin zur Rede. Reiler erzählt: "Und dann hat er mir gesagt, dass, solange er für meine Zeit bezahlt, kann er mit dieser Zeit machen, was er will. Und wenn das bedeutet, dass ich neben ihm sitze und nichts tue, dann ist es eben so."
Nach weiteren belastenden Situationen kann Magdalena Reiler irgendwann nicht mehr arbeiten – sie habe Panikattacken und Schlafstörungen gehabt, sagt sie. Am Ende verlässt sie das Unternehmen.
Mehr als jeder 15. Arbeitnehmer ist von Mobbing betroffen
Solche Fälle von psychischer Gewalt am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. Eine Erhebung des Bundessozialministeriums aus den Jahren 2022 bis 2024 zeigt: 6,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland wurden nach eigener Aussage im letzten halben Jahr wöchentlich am Arbeitsplatz gemobbt – also schikaniert, bloßgestellt oder zu Unrecht kritisiert. Die Folgen für Betroffene: Das Stresslevel steigt deutlich, im Schnitt sind sie fast doppelt so oft krank.
Unternehmenskultur wichtig für Mobbing-Prävention
Viele Betroffene von psychischer Gewalt wenden sich deshalb an Beratungsstellen in Bayern. Laut einer BR-Umfrage gibt es dort anhaltendes Interesse. Die Mobbingberatung München (Konsens e.V.) führte im vergangenen Jahr etwa 1.000 Beratungen durch – häufig zu "schwerwiegenden oder gar ausweglosen Konflikt-, Mobbing- und Belästigungssituationen", so Ludwig Gunkel von Konsens e.V.
Der Grund dafür seien zum Teil zwar das Verhalten von Vorgesetzten – wie im Fall von Magdalena Reiler. Aber Gunkel betont: "Das größte Problemfeld sind Struktur und Kultur in vielen Betrieben und Organisationen". Wenn narzisstische oder andere problematische Verhaltensweisen Raum greifen, dann heiße dies, dass die Unternehmenskultur nicht stimme.
Das sieht auch Linda Dahm so, die Firmen zu ihrer Unternehmenskultur berät. Unternehmen sollten Regelwerke zum Umgang miteinander etablieren. Zudem sollte "regelmäßig geprüft werden, ob diese auch tatsächlich gelebt werden", so Dahm.
Betroffene brauchen Unterstützung in der Firma
Wer dies offenbar gut schafft, ist der in München gegründete IT-Dienstleister Iteratec. Bei Befragungen loben viele Mitarbeiter die Unternehmenskultur dort. Unter anderem steht ihnen bei Iteratec der Betriebspsychologe Michael Thiel zur Verfügung. Dieser betont, dass Mitarbeiter sich ihm gegenüber öffnen können und "all das ausdrücken, was sie gerade beschäftigt, sowohl privat, aber natürlich auch, was den Job angeht".
Für eine gute Unternehmenskultur haben zudem einige Mitarbeiter der Firma eine Fortbildung erhalten – um für psychische Erkrankungen sensibilisiert zu sein. Thiel betont: Psychische Gewalt entstehe dort, wo nicht hingeguckt wird. Und sie verschwinde, wenn Menschen sich darum kümmern.
Auch Linda Dahm rät Betroffenen, sich Unterstützung zu suchen – und sich Freunden, Familie, Arbeitskollegen, Personalabteilungen oder dem Betriebsrat frühzeitig anzuvertrauen. Ganz wichtig sei es außerdem, "nicht an sich selbst zu zweifeln und eben auch Grenzen zu setzen", so Dahm.
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