Im Wald auf einer Anhöhe im Königsberger Forst bei Friesenried im Ostallgäu soll der "Sensor Süd" entstehen, ein Hightech-Radar des Raketenabwehrsystems Arrow – geschützt unter einer zwölf Meter hohen Kuppel. Direkt nebenan im Weiler Aschthal wohnt Daniel Wiesert. Beim Gedanken an den Sensor beschleicht ihn ein mulmiges Gefühl. "Das Zentrum der Radaranlage ist 800 Meter von unserem Haus entfernt", sagt der Familienvater. So nah an Wohnbebauung habe ein solches System nichts zu suchen. "Man hat das jetzt in Leipzig gesehen: Eventuell Drohnenangriffe, irgendwelche Sabotagetrupps in der Nähe unseres Wohnhauses – da haben wir schon erhebliche Sorgen."
Kahlschlag auf 30 Hektar?
Ein Teil des Waldes wird Sperrgebiet. Eine große Waldfläche muss gerodet werden. Die Bürgerinitiative "Arrow 3" redet von bis zu 30 Hektar. Der Königsberger Forst ist nicht nur ein beliebtes Naherholungsgebiet, sondern auch Einzugsgebiet für die Friesenrieder Trinkwasserquellen. Der Bau des Radars wird nach Angaben der Gemeinde massive Auswirkungen haben auf die Wasserversorgung der 1.500-Einwohner-Gemeinde.
Hightech mitten im Wald
"Hier wird ein Hightech-Standort gebaut und Stand jetzt haben wir gar nichts hier: kein Wasser, kein Strom, kein Glasfaser", sagt Theresa Felchner von der Bürgerinitiative "Arrow 3". Das Gebiet müsse erst erschlossen und im Wald die Infrastruktur für die Radarstation geschaffen werden. "Wenn man den gesunden Menschenverstand einsetzt, dann muss ich in Frage stellen, ob das der richtige Standort ist."
Kritik an fehlender Information
Was die Anwohner am meisten ärgert: Sie wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. "Grundsätzlich sind wir für die Bundeswehr und die Anschaffung von Arrow 3", sagt Felchner. "Aber wir wissen nicht, was hier passieren soll. Niemand redet mit uns. Das sorgt für weiteren Unmut."
Auch Bürgermeister Bernhard Huber ist wenig begeistert von Arrow und der Radarstation im Wald vor seiner Haustür. Erst im April erfuhr der Friesenrieder Rathauschef durch ein Schreiben im Rahmen des Landbeschaffungsverfahrens, dass da etwas Großes auf seine Gemeinde zukommt. Reden durfte er darüber zunächst aber nicht – Verschlusssache. "Ich finde das nach wie vor eine relativ ungute Geschichte, mit der wir aber wohl leben müssen", sagt der Bürgermeister. "Ich sehe aktuell keinen Weg, dass das noch verhindert werden kann."
Bundeswehr: Kein alternativer Standort
Eine frühzeitige Information der Betroffenen sei aus Gründen der militärischen Geheimhaltung nicht möglich gewesen, sagt die Bundeswehr.
Eingriffe in den Waldbestand würden auf das zwingend erforderliche militärische Minimum begrenzt, die vorgegebenen Grenzwerte für die Strahlung nur zu einem geringen Anteil ausgeschöpft. "Die Bundeswehr ist sich der Bedeutung des Königsberger Forsts als Naherholungsgebiet bewusst und wird einen ökologischen Ausgleich schaffen", teilt die Luftwaffe mit. "Der identifizierte Standort bietet als einziger Standort im Süden Deutschlands die notwendigen Voraussetzungen. Aus Sicht der Bundeswehr gibt es keine alternativen Standortmöglichkeiten."
Fertigstellung bis 2029 geplant
Der Kaufbeurer Landtagsabgeordnete Bernhard Pohl (FW) hatte sich vehement dafür eingesetzt, dass die Radaranlage in die Region kommt – um den Bundeswehrstandort im benachbarten Kaufbeuren zu stärken. Auf dem Fliegerhorst wäre dem Radar aber ein Höhenzug im Weg gestanden. Deshalb fiel die Wahl nach der Prüfung anderer Standorte auf die Anhöhe bei Friesenried.
Dass die Radaranlage hierherkommt, hält Pohl für gesetzt. "Fakt ist, dass das bis 2029 stehen muss – und zwar aus Gründen der Bündnis- und Landesverteidigung", sagt Pohl. "Selbstverständlich müssen alle Nachteile kompensiert werden. Das betrifft insbesondere die Wasserversorgung, aber auch die Beschädigung von Zufahrtswegen."
Die Bürgerinitiative will das nicht hinnehmen. Sie fordert unabhängige Gutachten, mehr Aufklärung und Transparenz.
Schutz vor Lang- und Mittelstrecken-Raketen
Der "Sensor Süd" ist Teil des Raketenabwehrsystems Arrow der Bundeswehr. Das Hochleistungsradar kann Lang- und Mittelstreckenraketen in mehr als 100 Kilometern Höhe erkennen. Mit seinen Arrow-3-Lenkflugkörpern kann das System Raketen außerhalb der Erdatmosphäre abfangen und zerstören. An insgesamt drei Standorten in Deutschland – einem im Osten, einem im Norden und einem im Süden – soll das Raketenabwehrsystem entstehen und Deutschland und seine verbündeten Nachbarn spätestens ab 2030 vor Angriffen schützen.
Verteidigungslücke soll geschlossen werden
Mit Arrow wird laut Bundeswehr eine wichtige Lücke in der Luftabwehr über Deutschland geschlossen. Das von Israel und den USA entwickelte System soll Patriot und IRIS-T ergänzen. Diese Systeme können Raketen in unteren und mittleren Höhen abfangen. Insgesamt investiert die Bundeswehr laut dem Verteidigungsministerium knapp vier Milliarden Euro aus dem Sondervermögen in die neue Raketenabwehr.
Im Audio: Ärger um Arrow im Allgäu
Im Königsberger Forst bei Friesenried soll der "Sensor Süd" für das Raketenabwehrsystem Arrow entstehen.
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