Zwei Polizisten seilen sich aus einem fliegenden Hubschrauber der bayerischen Polizei ab. (Symbolbild)
Zwei Polizisten seilen sich aus einem fliegenden Hubschrauber der bayerischen Polizei ab. (Symbolbild)
Bild
So hätte es aussehen können - es kam aber anders: Die Ermittler an der JVA Gablingen haben sich gegen Hubschrauber entschieden. (Symbolbild)
Bildrechte: picture alliance / Panama Pictures | Dwi Anoraganingrum
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance / Panama Pictures | Dwi Anoraganingrum
Audiobeitrag

So hätte es aussehen können - es kam aber anders: Die Ermittler an der JVA Gablingen haben sich gegen Hubschrauber entschieden. (Symbolbild)

Aktualisiert am
Audiobeitrag
Erschien zuerst am
>

Mit dem Heli in den Knast? So gelang die Razzia in Gablingen

Mit dem Heli in den Knast? So gelang die Razzia in Gablingen

Wie kommt man in eines der modernsten Gefängnisse Bayerns? Vor dieser Frage stehen Augsburger Ermittler, als sich die Foltervorwürfe gegen die JVA Gablingen verdichten. Erst wird über Spezialkräfte diskutiert. Dann ändern die Ermittler ihren Plan.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Schwaben am .

Wer im Gefängnis sitzt, den beschäftigt wohl am meisten die Frage: Wie komme ich hier wieder raus? Für die Augsburger Ermittler von Kripo und Staatsanwaltschaft war es andersrum. Sie wollten wissen: Wie komme ich da rein?

Denn die Staatsanwaltschaft hatte ernstzunehmende Meldungen auf dem Tisch: In der JVA Gablingen sollten Häftlinge misshandelt und illegal in Isolationszellen weggesperrt worden sein – den "besonders gesicherten Hafträumen" (bgH). Um dem nachzugehen, sollte die JVA durchsucht werden.

Die Sorge der Ermittler: Vernichtete Beweise

Doch wie macht man das, ohne dass auf den letzten Metern noch Beweise vernichtet werden? Genau das war zu befürchten. Monate zuvor war die "Nationale Stelle zur Verhütung von Folter" vor den Toren der JVA gestanden – für eine unangekündigte Kontrolle. Doch vor der Pforte ließ man die Kontrolleure eine halbe Stunde warten, mutmaßlich auf Geheiß der stellvertretenden Leiterin, die im Zentrum des Gablinger JVA-Skandals steht.

Kontrolleure sollen schon früher getäuscht worden sein

Währenddessen soll im Innern der JVA hektisch gearbeitet worden sein. Um etwa die "bgH" so herzurichten, dass sie keinen Grund zur Beanstandung bieten: Unterwäsche, Matratzen und Kissen sollen wieder in die Zellen gelegt worden sein. Dinge, die den Häftlingen dort sonst vorenthalten worden sein sollen – weshalb Gefangene zum Teil nackt auf bloßem Boden hätten schlafen müssen.

Die Ermittler waren also vorgewarnt. Ohnehin war der Plan eine Premiere: Die Durchsuchung eines Knasts hatte es bundesweit noch nie gegeben.

Die JVA Gablingen ist eine Festung

Also wird intern beratschlagt, wie man ohne großes Aufheben ins Innere des Gefängnisses gelangen könnte. In den Keller, wo sich die bgH befinden, wo ärztliche Unterlagen, Videos aus Überwachungskameras, Schichtpläne aufbewahrt werden.

Ein schwieriges Unterfangen, denn die JVA Gablingen ist eine Festung: Sechs Meter hohe, weiße Außenmauern, ein einziger zentraler Zugang, überall Videoüberwachung - ein Hochsicherheitstrakt. Die Anstalt gilt als eines der modernsten Gefängnisse in Deutschland.

Beim Bau mussten die Handwerker ihre Arme morgens unter einen hochmodernen Handvenenscanner legen, damit jeder Bauarbeiter zweifelsfrei identifiziert werden konnte. Das Justizministerium wollte auf Nummer sicher gehen, dass niemand Sicherheitslücken einbauen konnte, die später einen Ausbruch begünstigen könnten. Die Vollzugsanstalt sei "ausbruchssicher", schreibt der Architekt in seiner Baubeschreibung. Wie also, grübeln die Ermittler, kommt man da rein?

Ermittler diskutieren Hubschrauber-Einsatz

Wie der BR aus informierten Kreisen erfuhr, wird kurz eine Abseilaktion mit Spezialkräften aus Hubschraubern diskutiert, dann aber wieder verworfen. Nicht auszudenken, wenn einer der JVA-Beamten den Versuch einer Gefangenenbefreiung vermutet und von der Waffe Gebrauch macht, so die Überlegung. Es muss also geschickter gelingen. Und vor allem: unauffälliger.

Die Antwort: Ein Kaffeekränzchen. Unter dem Vorwand, es gebe neue Mitarbeiter und man wolle sich kennenlernen, vereinbart die Staatsanwaltschaft einen Termin mit der Vizeleiterin der JVA. Man werde dazu auch gleich die Polizei mitbringen, es gebe einige Dinge zu besprechen, geben die Ermittler vor.

Vegane Schnittchen aus der JVA-Kantine

Die Leitung der JVA ist erfreut. Es werden Schnittchen aus der JVA-Kantine gereicht, extra auch fleischlose Varianten. Schließlich ist eine Staatsanwältin Veganerin. Doch zum netten Imbiss kommt es nicht. Sobald sich alle in dem Besprechungszimmer der JVA versammelt haben, zücken die Ermittler den Durchsuchungsbeschluss.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Kartonweise werden Handys und Unterlagen beschlagnahmt, Dateien gesichert, Beamte befragt und Zeugen aufgelistet. Die so gesicherten Beweismittel sind eine wesentliche Stütze der Anklage, die die Staatsanwaltschaft Augsburg vor wenigen Tagen veröffentlicht.

Razzien legen Fundament der Anklage

Darin werden die damalige JVA-Leiterin, ihre Stellvertreterin und ein Mitglied der Sicherungsgruppe angeklagt. Sie sollen in 131 Fällen Gefangene misshandelt oder schikaniert haben. Die Vorwürfe lauten: Freiheitsberaubung, Nötigung und vorsätzliche bzw. gefährliche Körperverletzung im Amt.

Ein Anwalt der damaligen Gablinger Vizechefin weist die Vorwürfe zurück. Das Justizministerium sei in vielen Fällen über Gründe und Dauer der Unterbringung in den bgH informiert gewesen. Die Staatsanwaltschaft Augsburg sieht das anders: Nach dem vermeintlichen Kaffeekränzchen sei man hinter den Gablinger Gefängnismauern auf ein "System der Willkür" gestoßen.

Dieser Artikel ist erstmals am 26. Januar 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!