Der Teller Gyros mit Reis zaubert der Besucherin in der Nürnberger Vesperkirche ein Lächeln ins Gesicht. In der kalten Jahreszeit hilft ihr das Angebot der evangelischen Kirche, über die Runden zu kommen. Jeden Tag werden rund 500 Mahlzeiten ausgegeben, das warme Mittagessen kostet einen symbolischen Euro, nachmittags gibt es noch Kaffee und Kuchen.
Armutsbekämpfung: Ehrenamt oder Sozialstaat in der Pflicht?
"Kirche bedeutet: für die da sein, die Unterstützung brauchen", ist Pfarrer Friedhelm Berger überzeugt. Die Vesperkirche, mit der er alljährlich für fünf Wochen eine warme Mahlzeit für Bedürftige in Nürnberg anbietet, entspreche deshalb auch dem kirchlichen Selbstverständnis. Allerdings macht sich der evangelische Pfarrer keine Illusionen: "Kirche kann den Sozialstaat nicht ersetzen, das ist auch nicht unsere Aufgabe."
Ähnlich sieht das auch Armuts- und Ungleichheitsforscher Professor Christoph Butterwegge. Das soziale Engagement von Kirche und Wohlfahrtsverbänden sei freilich "ganz fantastisch", sagt Butterwegge in der BR-Sendung "Stationen". Aber: "Die Wohlfahrtsverbände müssen darauf hinarbeiten, dass die politisch Verantwortlichen den Sozialstaat wirken lassen und nur der Sozialstaat ist in der Lage, zum Beispiel in allen Regionen der Republik dafür zu sorgen, dass etwa Armut bekämpft wird."
Wenn nur noch 170 Euro zum Leben bleiben
Demgegenüber kritisiert der Armutsforscher, dass sich der Sozialstaat "immer stärker zurückzieht", insofern Menschen in Deutschland beispielsweise darauf angewiesen sind, bei ehrenamtlich tätigen Ärzten vorstellig zu werden, weil sie keine Krankenversicherung haben. "Dafür zu sorgen, dass alle Menschen eine Krankenversicherung haben – das wäre natürlich eine wichtige Aufgabe, wenn die politisch Verantwortlichen den Auftrag des Grundgesetzes ernst nehmen würden, dass die Würde des Menschen unantastbar ist." Außerdem heiße es in Artikel 20 des Grundgesetzes ja auch, dass Deutschland als sozialer Bundesstaat verfasst sei.
Laut dem letzten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes [externer Link] von 2025 gibt es immer mehr Armutsbetroffene. Das mittlere Einkommen all derer, die unter die Armutsgrenze fallen, habe im Jahr 2024 bei nur noch 921 Euro gelegen. Im Jahr 2020 waren es noch 981 Euro. Der Dame in der Nürnberger Vesperkirche, die sich an diesem Tag über das günstige Mittagessen freut, bleiben nur 170 Euro im Monat zum Leben. Deshalb gehe sie auch einmal in der Woche zur Tafel. Außerdem freuen sich die Menschen, die hierher kommen, auch über die Gemeinschaft. Jeder ist willkommen.
"Inklusiver Sozialstaat" statt "schmerzhafte Rentenreformen"
Vor diesem Hintergrund kritisiert Armutsforscher Prof. Christoph Butterwegge "schmerzhafte Rentenreformen", die den Sozialstaat weiter konterkarierten, und fordert "einen inklusiven Sozialstaat". Der sei etwa dann gegeben, wenn die Regierung eine solidarische Bürgerversicherung einführe, die alle einbeziehe. "Man könnte zum Beispiel auch Kapitaleinkünfte verbeitragen, also beitragspflichtig machen", sagt Butterwegge. "Warum nur Löhne und Gehälter? Warum werden nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer herangezogen, um den Sozialstaat zu finanzieren?" Das könnten genauso gut auch "finanzstärkere Gruppen", die "ökonomisch Mächtigen". Diese finanziell stärker in Verantwortung zu nehmen, wäre aus Sicht des Politikwissenschaftlers der Universität zu Köln jedenfalls eine "mutige Reform".
In der Nürnberger Vesperkirche werden derweil jeden Tag 400 bis 500 Essen ausgegeben. Pfarrer Friedhelm Berger verweist dabei nicht nur auf den kirchlichen Auftrag, sondern auch auf das Subsidiaritätsprinzip, demzufolge zuerst die kleinste Einheit gefragt ist, Probleme anzugehen. "So gut wir's eben können", sagt Berger für seine Gemeinde. Und die hat die Pforten zur Vesperkirche noch bis zum letzten Sonntag im Februar geöffnet.
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