"Ich freue mich jedes Mal, hierher zu kommen, mit den anderen Leuten zu reden und denen Tipps zu geben, meine Erfahrungen weiterzugeben", sagt Doris Koch aus Haßfurt. Seit zwölf Jahren fährt sie die 20 Kilometer nach Schweinfurt, wenn die St. Johanniskirche zur Vesperkirche umfunktioniert wird. Und das täglich, wenn ihre Gesundheit es zulässt.
Vesperkirche: Ein Konzept mit Erfolg
2015 hatten das Diakonische Werk Schweinfurt und die Kirchengemeinde St. Johannis die erste Vesperkirche in Bayern durchgeführt – ein Konzept aus Baden-Württemberg, das auch in Bayern mancherorts bekannt ist: in Nürnberg etwa gibt es jedes Jahr fünf Wochen Vesperkirche.
In Schweinfurt können Menschen derzeit zwei Wochen lang täglich zwischen 11:30 Uhr und 14:00 Uhr ein warmes Mittagessen einnehmen. Damit sie für alle zugänglich ist, kostet das Menü lediglich zwei Euro und für Kinder ein Euro – Kaffee und Kuchen inklusive.
Gerechtigkeit und Begegnungen statt "Armenspeisung"
Dabei soll die Vesperkirche soll keine "Armenspeisung" sein, sondern ein Begegnungsort für alle – ganz egal, ob arm, reich, alt oder jung, sagt Barbara Renger, Mitorganisatorin und Pfarrerin in der Pfarrei Schweinfurt Stadt. Wer mehr Geld geben kann und will, trägt dazu bei, das Defizit zu verringern, denn die Vesperkirche finanziert sich hauptsächlich über Spenden.
Dabei gehe es auch ein Stück weit um Gerechtigkeit, erklärt Pfarrerin und Mitorganisatorin Gisela Bruckmann ihre Ziele: "Es geht auch um einen Ausgleich zwischen denen, die mehr haben und sich auch mehr leisten können, und anderen, die das nicht so können." Alle, die in den zwei Wochen zur Vesperkirche kommen, sollen hier die Möglichkeit haben, in gleicher Weise am Tisch zu sitzen, bedient zu werden, in der Wärme zusammenzusitzen. "Manche können sich nicht leisten unter Umständen, zu Hause die Heizung immer durchlaufen zu haben", ergänzt Gisela Bruckmann.
Ein Ort der Geborgenheit - und der praktischen Hilfe
200 bis 250 Gäste kommen am Tag, so wie Doris Koch, die an ihrem Tisch gleich mit drei anderen Gästen ins Gespräch kommt. "Ich fühl mich sehr gut hier, geborgen und glücklich", sagt sie heiter.
Vesperkirche ist nicht nur Essen und Trinken. Zusätzlich bieten die Diakonie und verschiedene Organisationen aus Stadt und Landkreis jeden Tag verschiedene Hilfsangebote an – von kostenlosem Haareschneiden über das Repair Café bis zu Blutdruckmessungen. Angebote, die auch Doris Koch gerne annimmt.
Ohne Ehrenamtliche geht gar nichts
Besonders wichtig für das Gelingen der Vesperkirche ist das Engagement der insgesamt etwa 200 Ehrenamtlichen, die die Gäste herzlich empfangen und bewirten. "Es gibt mir einfach ein gutes Gefühl, dass ich für die Menschen etwas Gutes gemacht habe. Jeden Tag gibt es schöne Begegnungen", sagt Victor Elias. Der Russland-Deutsche kümmert sich um Einkäufe und Reparaturen.
Auch Kuchenspenden werden gerne entgegengenommen. Doris Koch hat Geschenke im Gepäck: "Als Dankeschön schenke ich den Ehrenamtlichen Marmelade und selbergebackene Käsestängchen, die lieben sie und freuen sich jedes Jahr auf mich, wenn ich komme." Die Vesperkirche in Schweinfurt geht noch bis zum 8. Februar.
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