Katerina Zaiceva hat ihre Heimat verloren. "Mein Mann ist tot, unsere Wohnung ist zerbombt", sagt sie, "ich kann nicht mehr zurück". Ihre Heimatstadt Taschassiw Jar in der Ostukraine hat die Mutter kurz nach Beginn des russischen Angriffs im März 2022 verlassen. Ihr Mann bleibt zurück und stirbt bei einem Raketenangriff. Heute lebt Katerina Zaiceva im schwäbischen Bad Wörishofen, zusammen mit ihren zwei Söhnen. Früher hat sie in der Ukraine als Logopädin gearbeitet, nun arbeitet sie als pädagogische Fachkraft in der Mittagsbetreuung einer Grundschule, in Teilzeit. Parallel lernt sie Deutsch. Konzentrieren fällt ihr oft schwer, sie trauert um ihren Mann, hat Angst- und Schlafstörungen.
Selbsthilfegruppe als sicherer Ort
Halt findet sie bei einer Selbsthilfegruppe der Suchthilfe-Organisation "Blaues Kreuz" in München. Alle zwei Wochen trifft sich Katerina Zaiceva mit anderen Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine, in der Regel am Sonntagnachmittag. Alle wissen, wie es ist, plötzlich alles hinter sich lassen zu müssen, nur mit einem Koffer in der Hand zu fliehen, 2.500 Kilometer entfernt neu starten zu müssen. Wenn sich die rund 20 Kriegsflüchtlinge treffen, dann sprechen sie über ihre Probleme auf Ukrainisch. Das schenkt ihnen zusätzliche Sicherheit.
Geleitet wird Katerinas Selbsthilfegruppe von einem ukrainischen Ehepaar, von Nataliia Ihnatova, Sozialpädagogin, und Oleksandr Ihnatov, Lehrer. Ihre Stelle wird von der Krankenkasse AOK auf dreieinhalb Jahre finanziert. Träger des Projekts ist das Blaue Kreuz Bayern. Die Selbsthilfegruppe in München ist nur eine von 20 Gruppen, die derzeit in Bayern für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine im Aufbau sind. Überdies bringen die Teilnehmer sich selbst ein mit Spenden und Verpflegung.
Trotz allem Schmerz: Freude erleben durch Beziehungen
Beim heutigen Treffen strahlt Katerina Freude aus. Kürzlich hatte sie ihren 46. Geburtstag. Dazu bekam sie auch aus der Gruppe Geschenke und Glückwünsche. Als die Teilnehmer sich zum Einstieg in den Abend einen Bild-Impuls aus einem Kartenstapel wählen sollen, sucht sie als Motiv ein beladenes Schiff aus, das auf Flügeln durch den abendroten Himmel gleitet. Die Selbsthilfegruppe ermutigt sie, sagt sie.
Die Treffen laufen nach einem festen Schema ab: Singen, Meditation, dann Impulsfragen zum Austausch über die jeweilige Befindlichkeit und später ein kurzer Vortrag. Dazu bringt jeder etwas zu essen mit.
Heute redet Oleksandr Ihnatov über die Bedeutung der Freude. Die Wunden vom Krieg seien zwar noch nicht ausgeheilt, es kämen immer neue dazu. Trotzdem sei die Freude die wichtigste Kraft, um den Alltag zu meistern. Anschließend erzählt reihum jeder, was ihm Freude bereitet. So erzählt Nastia aus Odessa, der tägliche Telefon-Kontakt zu ihrem Mann an der Front sei ihre wichtigste Kraftquelle. Außerdem sei sie dankbar, dass sie auch in Bayern wieder als Ärztin arbeiten könne.
Vulnerable Gruppe: Alleinerziehende Mütter
Momentan leben nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bayern insgesamt 198.932 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. Ein Viertel von ihnen sind Kinder und junge Menschen unter 18 Jahren. Unter den erwachsenen Geflüchteten ist der Anteil der Frauen mit 60 Prozent groß, laut dem Mediendienst Migration. "Besonderen Belastungen ist die Gruppe der alleinerziehenden Mütter ausgesetzt, die aus der Ukraine geflohen sind", sagt Olaf Steding von der Suchthilfe-Organisation "Blaues Kreuz" in München.
Kinder erziehen, Deutsch lernen, Bürokratie erledigen, Job suchen, während die schlechten Nachrichten aus der Heimat andauern – das alles ist eine große Herausforderung. Seiner Beobachtung nach wollen die Mütter einerseits ihren Kindern eine friedliche Zukunft fern der Heimat sichern, andererseits hängen sie mit ihrem Herzen noch an ihrer Heimat. Bleiben oder irgendwann zurückkehren, das sei für die meisten Frauen die schwierigste Frage. Doch alle sind sich einig: Ein Leben in Frieden und Sicherheit ist ihr größter Wunsch.
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