Holger Frischhut hat in dieser Woche viel zu tun. Als Obermeister der Schornsteinfegerinnung Niederbayern ist er zuständig für die Organisation des 142. Verbandstags seiner Branche in Straubing. Doch auch die eigentliche Arbeit ruft: Am Montagvormittag steigt er mit seiner Mitarbeiterin Christin Haaser auf ein Dach in der Straubinger Innenstadt. Haaser klettert auf einen Schornstein und lässt die Kaminkehrerbürste in den Schacht hinunter – all das in schwindelerregender Höhe bei leichtem Regen auf einem Metallflachdach. "Dafür habe ich einen tollen Ausblick", sagt Haaser und ergänzt auf die Frage nach der Höhenangst: "Das kann man trainieren".
Ein Handwerk im Wandel
Doch die Arbeit auf dem Dach wird für die Schornsteinfeger immer weniger. "Aus Sicherheitsgründen wegen der Absturzgefahr", wie Holger Frischhut erklärt. Nicht nur Sicherheitsdenken verändern den Beruf. Vor allem auch wegen der Energiewende muss sich das Handwerk einer Transformation unterziehen.
Das Heizungsgesetz der Ampel-Regierung hat seinen Teil dazu beigetragen. "Es hat die Landschaft für den Kaminkehrer verändert, das stimmt. Aber es gibt so viele Facetten in diesem Beruf", sagt Frischhut. Im Brandschutz sei der Schornsteinfeger immer schon verankert gewesen. Dazu kämen Lüftungsanlagen, die geprüft und gereinigt werden müssen. Der Schornsteinfeger werde auch immer mehr zum Energieberater.
Bayern hat kein Nachwuchs-Problem
Die neue Vielseitigkeit hat auch Christin Haaser überzeugt. Sie ist 26 und eine der wenigen Frauen, die sich für diesen Beruf entschieden haben. Der Kaminkehrer des eigenen Elternhauses habe ihr das Handwerk 2019 schmackhaft gemacht. Eltern und Freunde seien erstmal sehr überrascht gewesen, erzählt sie mit einem Grinsen. "Die waren sich auch nicht sicher, ob ich das ernst meine. Aber im Endeffekt standen alle hinter mir und sind stolz auf mich." Sorgen darüber, ob ihre Branche nicht genug Nachwuchs akquirieren könnte, macht Haaser sich nicht. "Gerade in Bayern haben wir viele, die eine Ausbildung anfangen wollen. Also in Bayern haben wir überhaupt kein Problem mit Nachwuchs."
Verband: Stabile Ausbildungszahlen
Im Freistaat liegen die Ausbildungszahlen seit Jahren mit leichten Schwankungen auf einem stabilen Niveau. In den vergangenen drei Jahren wurden im Schnitt 400 junge Menschen als Schornsteinfeger ausgebildet. Auf der Schornsteinfegermesse in der Straubinger Joseph-von-Fraunhofer-Halle im Rahmen des Bundesverbandstag bestätigt Präsident Alexis Gula diesen positiven Eindruck – und das nicht nur für Bayern: "Wir haben seit zehn Jahren die besten Ausbildungszahlen im Schornsteinfegerhandwerk. Aber auch im Handwerk allgemein haben wir mit die besten Ausbildungszahlen prozentual gesehen."
Wunsch an Politik nach Verlässlichkeit
Trotzdem sei in der Branche klar, dass man sich weiter in einem Übergang befinde. Gula und sein niederbayerischer Kollege Frischhut sind sich deshalb einig, dass es jetzt vor allem seitens der Politik Verlässlichkeit brauche. "Wir sind das Bindeglied zwischen der Politik und dem Kunden. Wir müssen Vertrauen schaffen", so Gula. Und Frischhut ergänzt: "Ich wünsche mir, dass das Gebäudemodernisierungsgesetz kommt und dann auch nicht mehr rangegangen wird." Das Hin- und Her der vergangenen Jahre habe die Kunden und auch das Handwerk verunsichert.
Handwerk kompetent und weiter benötigt
Am Ende räumt Frischhut dann noch mit einem bekannten Vorurteil auf. Die Wärmepumpe sei nicht das Ende des Schornsteinfegerhandwerks. "Nie und nimmer! Um Gottes willen! Das ist sie definitiv nicht. In 50, 60 Jahren gibt es den Kaminkehrer immer noch. In einer anderen Form, aber es gibt ihn noch. Da bin ich zuversichtlich." Die Überprüfung von Wärmepumpen gehöre außerdem mittlerweile unter bestimmten Voraussetzungen zur neuen Vielseitigkeit des Schornsteinfeger-Handwerks.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
