"Er hat mir drei, viermal gesagt: Mama ich liebe dich. Er hat Angst, dass er sterben könnte." Die Mutter des bei einem Polizeieinsatz in München angeschossenen 14-Jährigen ist den Tränen nahe, als sie mit BR24 spricht. Ihr Sohn sei außer Lebensgefahr, liege aber noch im Krankenhaus, so die Frau. Er müsse sich mehreren Operationen unterziehen.
Der Schuss eines Münchner Polizisten traf den jungen Kurden am Dienstagnachmittag im Stadtteil Schwabing in den Oberkörper. Auslöser für den Einsatz war eine Softair-Pistole, die der 14-Jährige bei sich trug. Passanten hielten sie für eine echte Waffe und alarmierten die Polizei.
Widersprüche über Ablauf des Einsatzes
Ab diesem Zeitpunkt beginnen die Widersprüche. Die Schilderungen der Münchner Polizei und der Familie des jungen Mannes über den Einsatz unterscheiden sich in wichtigen Punkten: Die Polizei erklärt, der Jugendliche habe einen waffenähnlichen Gegenstand gezogen, eine Bewegung wie beim Durchladen ausgeführt und sich anschließend mit erhobener Waffe zu den Beamten gedreht. Die Mutter berichtet, ihr Sohn habe ihr erzählt, dass er die Hände gehoben und gerufen habe: "Es ist ein Spielzeug, bitte nicht schießen." Wer recht hat, ist derzeit offen.
Fest steht: Der 14-Jährige war an diesem Tag mit der Softair-Waffe unterwegs. Nach Angaben seiner Mutter hatte er sie kurz zuvor in einem Geschäft gekauft, mit seinem Taschengeld. In der Vergangenheit habe er häufiger mit Wasserpistolen gespielt.
Mutter: "Er schaut älter aus als er ist"
Die Familie des jungen Mannes stammt aus der Türkei und lebt seit 2023 in Deutschland. Ihre Asylanträge wurden abgelehnt. Gegen die Entscheidungen laufen derzeit Klagen. Das Verwaltungsgericht München gab einem Eilantrag statt. Deshalb darf sich die Familie bis zu einer Entscheidung in den Hauptverfahren weiterhin rechtmäßig in Deutschland aufhalten.
Die Mutter beschreibt ihren Sohn als "kindlich" für sein Alter. Wenn sie ihn gefragt habe, warum er als großer Junge mit seiner Schwester Puppen spiele, habe er geantwortet: "Mama, ich bin doch noch ein Kind. Ich darf das noch." Die Mutter sagt auch: "Er schaut älter aus, als er ist."
Video aus Waschsalon soll "Durchladebewegung" zeigen
Der Ort des Geschehens in der Belgradstraße wirkt zwei Tage später eher unscheinbar. Autos fahren vorbei, Menschen gehen zur Arbeit. Vor einer Bäckerei soll der Jugendliche nach dem Schuss auf dem Gehweg gelegen haben. Die Spurensuche führt zunächst zu einem Waschsalon, nur wenige Meter vom Schussort entfernt. Eine Mitarbeiterin berichtet BR24 von einer Videoaufnahme. Darauf soll der Jugendliche gemeinsam mit einer Freundin zu sehen sein. Die Softair-Waffe habe er auf Bauchhöhe getragen. Außerdem soll er eine Bewegung gemacht haben, die wie das Durchladen einer Pistole wirkte. Eine Passantin habe sich darüber so sehr erschrocken, dass sie in den Waschsalon flüchtete.
BR24 konnte das Video nicht einsehen. Die Schilderung der Mitarbeiterin deckt sich mit den Angaben der Polizei, wonach der Jugendliche eine Durchladebewegung gemacht habe. Ob das Video jedoch die selbe Szene zeigt, die auch die Beamten beschreiben, ist unklar. Die Aufnahmen aus dem Waschsalon enden nach Angaben der Mitarbeiterin noch vor der entscheidenden Begegnung mit den Polizisten.
Weiteres Video zeigt Einsatz nach dem Schuss
Es gibt noch ein weiteres Video, es liegt BR24 vor. Doch dieses beginnt erst nach dem Schuss: Zu sehen sind mehrere Zivilpolizisten, die sich über den verletzten Jugendlichen beugen. Sie überprüfen zunächst, ob er weitere Waffen bei sich trägt. Dann kommt ein Polizeiauto hinzu, Beamte in Uniform steigen aus und laufen auf den Einsatzort zu. Auch sie beugen sich über den Jungen, offenbar, um erste Hilfe zu leisten.
An dieser Stelle bleibt die Lage im Unklaren. Die Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage von BR24 zwar, dass Aufnahmen existieren, die die Situation bis kurz vor der Schussabgabe zeigen. Der 14-Jährige selbst konnte bislang aber nicht vernommen werden. Ermittler haben bereits seine Begleiterin und weitere Zeugen befragt. Eine rechtliche Bewertung stehe noch aus.
Zum Video: Was geschah vor und nach dem Schuss in München-Schwabing?
Die Polizei schoss in München auf einen 14-Jährigen, der offenbar eine täuschend echt aussehende Spielzeugpistole dabei hatte.
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