Georg Dettendorfer baut große Autobahn-Tankstellen für Elektro-LKW. Mit Schnellladesäulen, die kräftig Strom ziehen. Die Nachfrage ist gut, immer mehr Speditionen kommen bei Elektro-Lastern auf den Geschmack. Aber vom Netzbetreiber die Anschluss-Zusage für so eine E-Tankstelle zu bekommen, ist meist nicht leicht: "Wenn ein guter Stromanschluss möglich ist, dann ist man glücklich. Aber sehr oft passiert es halt, dass die Anschlusskapazität relativ gering ist."
Viele Kunden warten Monate auf einen Stromnetzanschluss
Auf ähnliche Anschluss-Schwierigkeiten stoßen Solaranlagen und Windräder. Beim größten bayerischen Verteilnetzbetreiber Bayernwerk etwa klagen viele Kunden über monatelange Wartezeiten für ihre Photovoltaik. Man sei förmlich überrollt worden von Anschlussbegehren, heißt es vom Bayernwerk – aber der Netzbetreiber habe inzwischen reagiert und rund 1.000 neue Mitarbeiter eingestellt.
Zahl der Batteriespeicher explodiert
Den massivsten Run aufs Stromnetz gibt es bei großen Batteriespeichern. Die lohnen sich seit Kurzem, weil die Technik so billig geworden ist. Die Zahl der Netzanschluss-Anfragen für Großspeicher stieg wie aus dem Nichts auf rund 10.000 bundesweit.
Für die Netzbetreiber wirkte das wie ein Tsunami, mit dem sie erstmal lernen mussten, umzugehen. Dafür haben sie seit diesem Monat das sogenannte Reifegradverfahren eingeführt. Dabei werden die am weitesten fortgeschrittenen Projekte zuerst bedient. Das bisher praktizierte Windhundverfahren hat laut Andreas Schieder vom Netzbetreiber Tennet dazu geführt, dass sehr schnell sehr viele Anfragen gestellt wurden, "deren Ernsthaftigkeit nicht unbedingt immer nachvollzogen werden konnte". Nun sollen die Batteriespeicher, die wirklich baureif sind, den Vorzug bekommen.
Speicher glätten künftig die Preisschwankungen
Andere werden dann ihre Anträge zurückziehen, erwartet Serafin von Roon von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE). Binnen weniger Jahre könnten so genug große Batteriespeicher am Netz sein, um die Mittagsspitze bei Solarstrom wirkungsvoll abzufangen. Die Speicher laden mittags, wenn der Strom wegen der vielen Photovoltaik billig ist, und geben den Strom abends wieder ans Netz ab, wenn er gefragt und teuer ist.
So werden einerseits die negativen Strompreise eingedämmt, die inzwischen an der Strombörse mittags immer häufiger eintreten. Und andererseits auch Preisspitzen am Abend abgeflacht. Das macht das Stromsystem stabiler und senkt die Preise für Verbraucher, erklärt der Energieökonom.
Markt funktioniert hier ohne Zuschüsse
Dieser Effekt funktioniert rein marktwirtschaftlich, ohne Zuschüsse. Genauso wie ein zweiter neuer Trend: flexible Anschlussverträge. Da einigt sich der Netzbetreiber mit dem Kunden vor dem Anschluss auf ein paar Zusatzbedingungen. Die dafür sorgen, das Stromnetz weniger zu belasten.
Also zum Beispiel: Ein Solarpark baut selbst eine Batterie, um die Einspeise-Spitze abzufangen. Dadurch kommt er mit einem weniger leistungsfähigen Stromanschluss aus und kriegt den dafür schneller und günstiger. Oder der Eigentümer einer Großbatterie verspricht, nicht die volle Leistung ruckartig ein- oder auszuspeisen, sondern mit sanfterem Übergang und damit netzverträglicher.
Wichtige Regeln fehlen noch
Es tue sich also etwas, um das knappe Gut Stromnetz möglichst effizient auszunutzen, resümiert von Roon. Trotzdem müsse die Bundesregierung noch tätig werden. Denn wenn ganz unterschiedliche Kunden an das gleiche Umspannwerk wollen, können die Netzbetreiber nicht mehr allein entscheiden, wer den Vorzug bekommt. "Muss am Ende vielleicht ein Industriebetrieb bevorzugt werden gegenüber einem Batterieprojektierer beziehungsweise der Spediteur gegenüber dem Rechenzentrumsbetreiber?" - diese Priorisierung müsse der Gesetzgeber leisten, meint Serafin von Roon.
Das hatten Staatsregierung und Wirtschaft in Bayern auch bereits vergangenen Herbst bei einem Stromnetzgipfel in der Staatskanzlei gefordert.
Klar ist aber auch: Selbst wenn das Stromnetz künftig optimal ausgenutzt wird, muss es trotzdem weiter ausgebaut werden, um die steigenden Anforderungen zu bewältigen. Bayerns größter Verteilnetzbetreiber Bayernwerk etwa plant, bis 2030 rund zwölf Milliarden Euro zu investieren.
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