Angefangen hat es für Simon Escher-Herzog mit einem anonymen Schreiben im Briefkasten. "Das waren halt wüste Beleidigungen von: 'Verräter', 'Schwuchtel', 'Wir lassen nicht zu, dass du so linkes Zeug machst', 'Wir schlitzen dich auf wie deine Plakate'", berichtet der Linken-Politiker, der in Neustadt an der Waldnaab in den Kreistag eingezogen ist. Kurz darauf, so Escher-Herzog, habe ein demoliertes Wahlplakat vor seiner Haustür gelegen: "Ein Personenplakat, wo mit einem Schraubenzieher schön säuberlich durchs Gesicht gestochen wurde."
Stein-Attacke in Neustadt an der Waldnaab
Am 13. Februar erreichen die Anfeindungen ihren vorläufigen Höhepunkt: Ein Stein fliegt mitten in der Nacht durch die Scheibe des Schlafzimmers von Simon Escher-Herzog. "Ich habe im Wohnzimmer geschlafen, sonst hätte ich diesen Stein wahrscheinlich sogar abbekommen", erinnert sich Escher-Herzog, der vom Lärm aufgewacht sei und den Stein auf seinem Bett liegend vorgefunden habe.
In Neustadt an der Waldnaab ermittelt die Polizei wegen Bedrohung mit Verbrechenstatbestand und Sachbeschädigung.
Politologin: Mehr als jeder zweite erlebt digitale Gewalt
Laut Politologin Luise Koch, die an der TU München zum Thema forscht, erlebt mehr als jeder zweite Kommunalpolitiker mittlerweile Anfeindungen im Internet.
Betroffen seien vor allem Frauen, wie eine aktuelle Studie zeige, die Koch an der TUM zusammen mit der gemeinnützigen Organisation HateAid durchgeführt hat. Außerdem würden Beleidigungen im Netz oftmals Angriffe im realen Leben nach sich ziehen.
SPD, Linke und CSU kritisieren Anfeindungen
Auf Nachfrage ziehen die bayerischen Parteien gegenüber BR24 unterschiedlich Bilanz: Die SPD berichtet von einem kontinuierlichen Anstieg der Anfeindungen. Es habe keine körperlichen Angriffe gegeben, dafür aber Sachbeschädigung an Plakaten. Die Linke beobachtet dagegen "eine neue Qualität" in Sachen Anfeindungen.
Die CSU teilt mit, dass Anfeindungen inzwischen zum politischen Alltag von haupt- und ehrenamtlichen Kommunalpolitikern gehören würden. Auch der bayerische Städtetag schlägt auf Nachfrage Alarm: In Rathäusern würden sich Fälle von Beleidigungen, Anfeindungen und Drohungen bayernweit mehren.
Freie Wähler und Grüne stellen weniger Anfeindungen fest
Selten betroffen seien dagegen die Freien Wähler, so ein Parteisprecher. Auch die Grünen berichten, dass Vandalismus und Anfeindungen 2026 im Vergleich zum vorherigen Wahlkampf 2020 eher nachgelassen hätten. Die AfD nennt auf Nachfrage keine konkreten Fälle, die Partei führe keine Statistik über Anfeindungen, teilt Landesvorsitzender Stephan Protschka mit.
Laut Luise Koch von der TU München würden die Daten aber zeigen, dass auch rechte Parteien von Anfeindungen betroffen sind. "In Brasilien sehen wir, dass vor allem rechtsgerichtete Parteien digitale Gewalt erfahren", sagt Koch.
Hebertshausens Bürgermeister kritisiert Hass im Netz
Auch Richard Reischl, der scheidende Bürgermeister von Hebertshausen, berichtet von Anfeindungen. Er habe anonyme Briefe bekommen, unter anderem, weil er sich für eine liberalere Asylpolitik eingesetzt hat. "Ich wünsche dir, dass deine Tochter auch mal am Hauptbahnhof vergewaltigt wird", habe ihm jemand geschrieben. Reischl, ehemals CSU, jetzt parteilos, beobachtet, dass sich der Ton verschärft.
Auch bei anderen Themen würden Bürger ihre Anliegen mit einer immer stärkeren Vehemenz vorbringen. Es sei zum Beispiel zu lesen gewesen, dass man sich die Demokratie zurückholen müsse, wenn die Gemeinde eine Entscheidung gegen den Willen einzelner getroffen habe. "Aber dass wir die Demokratie abgeschafft haben in Hebertshausen, kann ich mit Sicherheit verneinen", sagt Reischl.
Anfeindungen negativ für Engagement
Richard Reischl sieht die Schuld für die Anfeindungen im vergifteten Klima auf Social Media. Das kann Politologin Luise Koch bestätigen.
Sie warnt vor den fatalen Folgen von Anfeindungen für die Demokratie. Ihre Daten zeigen nämlich, dass sich Anfeindungen negativ auf das Engagement auswirken.
"Bayern-Gipfel nach der Wahl: Was muss die Politik jetzt liefern?" Darüber diskutiert die Münchner Runde am Mittwoch, den 11.03., um 20:15 Uhr live bei BR24 und im BR Fernsehen. Zu Gast sind: Ulrike Scharf, CSU, der stellvertretende Ministerpräsident Hubert Aiwanger, Freie Wähler, Eva Lettenbauer, Bündnis 90/Die Grünen, Stephan Protschka, AfD-Landesvorsitzender Bayern und Sebastian Roloff, SPD-Landesvorsitzender Bayern.
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