Patientenverfügung (Symbolbild)
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Sterben, Glaube, Medizin: Orientierung für Muslime am Lebensende

Sterben, Glaube, Medizin: Orientierung für Muslime am Lebensende

Was ist am Lebensende aus islamischer Sicht erlaubt? Eine Handreichung der Islamberatung in Bayern gibt Orientierung zur Patientenverfügung. Sie erklärt wichtige Eingriffe und zeigt unterschiedliche Positionen, ohne Entscheidungen vorzuschreiben.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Nabila Salih gehört zu den rund 700.000 Musliminnen und Muslimen in Bayern. Eine Patientenverfügung hat sie bisher nicht. Das will sie ändern. Ihr Glaube spielt bei Entscheidungen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig fehlt ihr Wissen darüber, was am Lebensende bei medizinischen Eingriffen aus islamischer Sicht gilt. "Man weiß eigentlich gar nicht zu hundert Prozent, wie die religiöse Sichtweise auf all diese Aspekte ist."

Sie weiß, dass aktives Beenden eines Lebens nicht erlaubt ist und dass Ärztinnen und Ärzte zunächst alles medizinisch Sinnvolle tun sollen. "Aber dann kommt eine Grauzone, in der man nicht mehr genau weiß: Auf welcher Seite stehen wir gerade?"

Orientierung bei der Patientenverfügung geben

Genau dafür gibt es nun eine neue Handreichung. Sie soll Musliminnen und Muslimen helfen, eine Patientenverfügung zu formulieren. Es ist kein fertiges Formular zum Ausfüllen, sondern ein knapp 60-seitiges Heft der Islamberatung in Bayern (externer Link), ein Projekt der Eugen-Biser-Stiftung.

Darin finden sich Textbausteine und Erklärungen zu medizinischen Maßnahmen aus islamisch-theologischer Perspektive, etwa Wiederbelebung, künstliche Beatmung und Organspende.

Keine Vorgaben, sondern Optionen und Einordnung

Bewusst macht die Broschüre keine klaren Ansagen nach dem Motto: Das ist erlaubt, das ist verboten. Der Grund: Im Islam gibt es unterschiedliche Rechtsschulen und Auslegungen, sagt Dr. Leyla Güzelsoy, Psychoonkologin und Medizinethikerin. Sie hat an der Handreichung mitgeschrieben.

Die Spannbreite kennt sie auch aus dem Christentum: "Ich kann je nach Lesart des Gläubigen in der Bibel durchaus Verse finden, wo ich die Krankheit als Strafe Gottes für mich werten werde oder als eine Probe, weil ich besonders geliebt bin."

Die Handreichung stellt deshalb verschiedene Positionen und Debatten innerhalb des Islams dar. Ziel ist Aufklärung, damit Entscheidungen am Ende auf einer belastbaren Grundlage entstehen.

Hilfe auch für Pflege und Palliativteams

Güzelsoy betont, die Broschüre gebe "religiöse Sicherheit". Davon profitierten nicht nur Betroffene und Angehörige, sondern auch Ärztinnen, Pfleger und Seelsorger, vor allem in der Palliativarbeit. "Es schafft Sicherheit in der Beziehungsgestaltung, wenn Musliminnen und Muslime sehen, ich bin hier bei einem Team, das mich in diesem Anderssein auch wahrnimmt und sogar eine Handreichung für mich hat."

Verteilt werden soll das Heft über muslimische Communitys, Moscheen und Seelsorger. Online ist es bereits verfügbar (externer Link zu pdf).

Weitere Sprachen geplant

Aktuell gibt es die Handreichung nur auf Deutsch. Weitere Sprachen wie Türkisch oder Arabisch sind geplant. Wie stark sie Musliminnen und Muslime im Alltag tatsächlich unterstützt, muss sich noch zeigen.

Für Nabila Salih ist sie schon jetzt ein Anstoß, sich dem Thema zu stellen. "Das sind die Dinge, die man in seinem Leben immer aufschiebt." Sobald sie die Handreichung in den Händen hält, hofft sie, dass sie "zur Tat schreiten" wird.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

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