Im katholischen Studienseminar St. Michael im oberbayerischen Traunstein haben männliche Minderjährige zwischen 1960 und 1990 teils massive Gewalt erlebt. Erste Vorwürfe bezüglich Gewalt in dem Internat hatte es bereits 2016 gegeben. Jetzt liegt eine sozialwissenschaftliche Studie vor, die den Vorwürfen in dem Zeitraum von 30 Jahren nachgegangen ist.
Die Studie beschränkt sich nicht auf sexuellen Missbrauch, sondern nimmt auch physische, psychische und spirituelle Gewalt gegen die ehemaligen Seminaristen in den Blick. Zahlreiche Fälle von körperlicher und psychischer Gewalt gegen minderjährige Schüler sind dokumentiert, auch einige Fälle von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt.
Das Studienseminar St. Michael in Traunstein war katholische Kaderschmiede für Priester. Auch Papst Benedikt XVI. war Schüler in dem Internat.
Spät verstanden, dass Unrecht angetan wurde
Die Studie wurde am Donnerstag in Traunstein von den Mitgliedern der Lenkungsgruppe des Forschungsprojektes vorgestellt, darunter kirchliche Vertreter und die beiden Betroffenen Johannes Koch und Georg Rieperdinger. Sie erzählten von ihren Erfahrungen. So schildert etwa Rieperdinger, wie die Internatszeit jahrzehntelang seinem Selbstwert geschadet habe. Erst spät habe er verstanden, dass ihm Unrecht angetan wurde: "Mein Fall ist kein sexueller Missbrauch, es war spirituelle und psychische Gewalt. Und die Studie ist eine Anerkennung dessen, wie schlecht es mir damals ging." Johannes Koch berichtete von seinen Gewalterfahrungen und macht dem Seminar schwere Vorwürfe: "Es hat mich nicht geschützt, es hat uns nicht geschützt. Die Verantwortlichen haben uns als Einzelne in dieser Notsituation nicht gesehen, und auch nach Aufforderung nicht geholfen."
Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, dankte bei der Vorstellung der Studie vor allem den Betroffenen, die an der Studie beteiligt waren: "Mich beeindruckt das wirklich. Sie haben einen wesentlichen Beitrag zum Zustandekommen der Studie geleistet. Es ist gut, dass es diese Studie gibt." Einzelne Schilderungen hätten ihn erschüttert. Klingan entschuldigte sich im Namen der Kirche.
Erbrochenes essen, Ohrfeigen, Kopfnüsse, Ziehen an Haaren
Zu den teils massiven Gewalterfahrungen zählten im Traunsteiner Studienseminar Erniedrigungen, Ohrfeigen und Kopfnüsse. Manche Schüler mussten Erbrochenes essen. Andere erlebten Drohungen oder Kollektivstrafen. Die Aufarbeitungsstudie nennt auch Fälle von sexualisierter Gewalt.
Für die Studie wurden 34 ehemalige Seminaristen des Traunsteiner Studienseminars interviewt, drei gaben schriftliche Berichte ab, sechs ehemalige Angestellte kamen zu Wort. Ergänzt wurden diese Erfahrungsberichte durch Erkenntnisse aus Archivmaterial wie Briefe oder Einträge in Personalakten.
Sexualisierte Gewalt auch durch Gleichaltrige
Ehemalige Seminaristen berichteten von drei Fällen, in denen sexualisierte Gewalt durch Erwachsene aus dem Seminar bzw. aus dem direkten Umfeld des Seminars ausgeübt worden seien. Ebenso sind Fälle von sexualisierter Gewalt durch gleichaltrige Seminaristen bekannt und ein Fall sexualisierter psychischer Gewalt.
Gleichzeitig beschreiben ehemalige Seminaristen die Zeit am Studienseminar St. Michael sehr unterschiedlich: Einige Schüler erlebten sie als gemeinschaftsstiftend und unterstützend, andere als einengend, belastend und gewalttätig.
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Wer waren die Täter?
Als Täter werden in erster Linie Direktoren, Präfekten und andere Geistliche genannt, die mit dem Seminar zusammengearbeitet haben. Auch Gewalt unter Seminaristen, sogenannte "Peer-Gewalt", sei in unterschiedlichsten Formen aufgetreten und sei, ähnlich wie von den Erwachsenen, als Sanktion gegen Schwächere oder "Regelbrecher" verstanden worden.
In der Aufarbeitungsstudie geht es dezidiert nicht um eine juristische Aufklärung, wer sich welcher Taten schuldig gemacht hat. Vielmehr wurde untersucht, wie Handeln und etablierte Ordnungen miteinander verwoben waren und so Gewalt ermöglicht wurde.
Fehlende pädagogische Ausbildung, unzureichende Aufsicht
Die Studie versucht zu klären, wie es zu der Gewalt im Internat kommen konnte. Dazu gehörte ein Machtgefälle zwischen den kirchlichen Leitern des Internats und den Schülern, die "oft aus eher einfachen und gläubigen Familien kamen", heißt es in der Studie. Überforderung und fehlende pädagogische Ausbildung, aber auch die unzureichende Heimaufsicht durch den Freistaat und die Münchner Erzdiözese seien Faktoren gewesen, die Gewalt im Studienseminar ermöglicht hätten, so die Autoren.
Im Video: Katholisches Internat in Traunstein - Missbrauchsstudie wird vorgestellt
Katholisches Internat in Traunstein: Missbrauchsstudie wird vorgestellt
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