Frustriert steht Ulrike Kastner in ihrer Tankstelle in Selb: Das Verkehrsaufkommen ist hoch – doch der Großteil rauscht vorbei. Richtung Tschechien, gerade mal sechs Kilometer entfernt. Die oberfränkische Tankstellenpächterin hat schon einige Krisen erlebt, doch jetzt spricht sie von Existenzangst: "Bestimmt haben wir schon 70 Prozent weniger Einnahmen."
Unterstützung von einigen treuen Kunden
Seit Beginn des Irankriegs ist der Sprit deutlich teurer geworden – bei Diesel laut ADAC durchschnittlich um 37 Cent, beim Benzin um 20 Cent. Trotzdem tanken einige ganz bewusst an der Tankstelle in Selb: um sie auch in schwierigen Zeiten zu unterstützen, wie ein Mann aus Wunsiedel meint. Und ein Rentner ergänzt: "Ich brauche nur eine Tankfüllung im Monat, das bedeutet zehn Euro mehr für mich gerade, da fahre ich nicht extra nach Tschechien."
Auch in Tschechien kostet Sprit deutlich mehr
Doch viele sehen es anders: Am Grenzübergang beobachtet Hauptkommissar Mike Förster von der Grenzpolizeiinspektion Selb, dass der Verkehr seit Anstieg der Spritpreise stärker geworden ist. Grundsätzlich sind aber auch in Tschechien die Preise in die Höhe geschnellt – der Diesel von 1,43 auf jetzt 1,70 Euro – damit aber immer noch niedriger als in Deutschland, wo die psychologisch wichtige 2-Euro-Marke überschritten wurde. Das kurbelt den Tanktourismus deutlich an.
Gezielte Abstecher über die Grenze
An der Tankstelle in Asch, gleich hinter der Grenze, herrscht Hochbetrieb – überwiegend Autos, Transporter, Wohnmobile aus ganz Deutschland. "Wir sind gerade noch mit dem letzten Tropfen hierher gerollt. Sind auf dem Weg in den Urlaub extra über Tschechien gefahren", sagt eine Dresdnerin. Ein Mann aus Weiden hat den Umweg gemacht, wie auch ein Unternehmer aus Brandenburg, der nach dem Verwandtenbesuch in Bayern auf der Heimreise ist: "In den Tank passen 85 Liter, da spare ich mir rund 40 Euro."
Wegen Mineralölsteuer: maximal 20 Liter im Reservekanister
Andere Kunden befüllen auch ihre Reservekanister. Wer aber so mehr als 20 Liter nach Deutschland einführt, muss eigentlich dann auch Mineralölsteuer zahlen. Auf die Einfuhr von Sprit habe man im Zuge der allgemeinen Kontrollen auch immer ein Auge, so auf BR24-Anfrage ein Sprecher des Hauptzollamts Regensburg, das von Selb bis Furth im Wald zuständig ist. Noch habe man keine Informationen über vermehrte illegale Einfuhren in der Grenzregion.
Niedrigere Steuern, aber auch niedrigere Einkommen
Auch tschechische Medien berichten über die Tanktouristen, vor allem aus Bayern oder Sachsen. Benzin und Diesel sind in Tschechien grundsätzlich billiger. Warum das so ist, da verweisen Experten auf das dichte Tankstellennetz, auf viele freie Tankstellen und allgemein auf eine große Konkurrenz. Und auf die Steuern auf Kraftstoffe, die sind niedriger als in Deutschland, sowie auch die Einkommen.
Bis vor einem Jahr hat Tschechien außerdem noch günstigeres Öl aus Russland bezogen. Damit ist Schluss, allerdings nicht bei den ungarischen Moll-Tankstellen im Land. Eine Obergrenze für Spritpreise einführen wie Ungarn oder Kroatien oder Steuern senken wie vielleicht Österreich, das will Tschechien zurzeit nicht. Premier Andrej Babis hat erklärt, solange die Preise in Deutschland noch so viel höher seien, halte er das nicht für nötig.
Bundesregierung will Preisspirale eindämmen
Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) kündigte am Mittwochnachmittag an, dass künftig Spritpreis-Erhöhungen an Tankstellen nur noch einmal täglich erlaubt sein sollen. Ab wann diese Regelung – für das das Kartellrecht geändert werden müsse – gilt, ist aber noch offen.
"Abzocke" und "Raubtierkapitalismus"
Die Bundesregierung reagiert damit auf die zunehmende Kritik an den Mineralölkonzernen. "Der Anstieg der Benzinpreise ist unverhältnismäßig", so der ADAC. Der Irankrieg werde auch genutzt, um Gewinne zu maximieren. Noch drastischere Worte wählt der Tankstellen-Interessenverband (TIV), in dem sich Pächter zusammengeschlossen haben. Verbandssprecher Herbert W. Rabl wirft in der Stuttgarter Zeitung den Konzernen "Abzocke" und "Raubtierkapitalismus des 19. Jahrhunderts" vor [externer Link; möglicherweise Bezahlinhalt].
Hoffnung auf Waschstraße und Kaffee
Auch Tankstellen-Pächterin Kastner in Selb kann die ständig steigenden Preisvorgaben der Ölkonzerne für ihre Zapfsäulen nicht nachvollziehen: "Der Barrel-Preis ist doch schon wieder etwas gesunken." Ihr bleibt momentan nur die Hoffnung, dass die Leute wenigstens für einen Kaffee oder die Waschstraße an ihre Tankstelle kommen – und sie so diese Krise durchhalten kann.
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