Feuerwehrkommandant Sebastian Walch steht an einem Bahnübergang im oberbayerischen Höhenkirchen-Siegertsbrunn, einer Gemeinde südlich von München. Von der großen Umgehungsstraße zweigt eine Straße ab, die über die Gleise führt. Dass hier mehrmals in der Stunde S-Bahnen entlangrattern, ist nur an den aufgestellten Andreaskreuzen und einer Signalanlage erkennbar – Schranken gibt es keine.
Walch erinnert sich noch gut an den Einsatz Anfang Februar, bei dem eine Frau ums Leben gekommen ist. Laut Polizei sei die Frau auf der Umgehungsstraße parallel zur S-Bahn gefahren, um dann an dem unbeschrankten Bahnübergang abzubiegen, erzählt er. "Vermutlich ohne zu schauen, denn die Blinklichter waren definitiv an", so Walch. Doch diese Warnung der Blinklichter hat an jenem Tag im Februar nicht ausgereicht.
Im Video: Warum die Feuerwehr für den Bahnübergang kämpft
Mehr als die Hälfte aller bayerischen Bahnübergänge unbeschrankt
Der Bahnübergang in Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist nur einer von vielen in Bayern, die ohne Schranke gesichert sind: Über 1.600 Bahnübergängen in Bayern sind unbeschrankt, also mehr als 57 Prozent der insgesamt knapp 2.900 Bahnübergänge.
Unfälle an unbeschrankten Bahnübergängen sind keine Seltenheit. Im März stieß im schwäbischen Hainsfarth ein Kleintransporter mit einem Zug zusammen, weil der Autofahrer den Zug im Nebel nicht rechtzeitig sah. Wenige Monate zuvor wurde ein Fahrradfahrer im unterfränkischen Kleinheubach von einem Zug erfasst. Und der jüngste Unfall dieser Art ereignete sich erst im Juni: Im oberbayerischen Lindach kam es zu einem tödlichen Zusammenstoß zwischen einem Autofahrer und einem Zug, dem zweiten innerhalb eines Jahres an dieser Stelle.
Welcher Bahnübergang bekommt eine Schranke, welcher nicht?
In Lindach hat die Gemeinde Hinweise aus der Bevölkerung bekommen, dass die Signalanlage nicht lang genug vor heranfahrenden Zügen gewarnt hat. Deshalb hat die Gemeinde den Bahnübergang vorerst gesperrt. Außerdem führt die Deutsche Bahn hier aktuell eine sogenannte Sonderverkehrsschau durch. Solche Überprüfungen finden laut Deutscher Bahn nach jedem Unfall statt, um zu klären, ob die Sicherung des Bahnübergangs angepasst werden muss.
Wie ein Bahnübergang gesichert ist – ob mit Andreaskreuz, Blinklichtanlage oder Schranke – hänge vor allem von zwei Faktoren ab, erklärt Katrin Kratzer, Sprecherin der Deutschen Bahn: Zum einen, wie viele Autos diesen Bahnübergang befahren, und zum anderen, wie schnell die Züge dort unterwegs sind.
Die Bahn will möglichst viele Bahnübergänge beseitigen. Schranken an Strecken mit schwachem Verkehr werden darum oft nicht mehr genehmigt, stattdessen wird ein Übergang ganz geschlossen. Manchmal spielen Umweltauflagen vor Ort eine Rolle, wenn auf angrenzenden Flächen seltene Tiere vorkommen.
Situation vor Ort häufig ausschlaggebend
In oberbayerischen Viehhausen scheiterte eine Beschrankung lange daran, dass ein Anwohner die für den Umbau notwendigen Grundstücke nicht verkaufte. Erst im Frühjahr 2025, nach einer Gerichtsverhandlung am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, willigte der Mann ein. Anfang Juni haben dort die Bauarbeiten begonnen.
Schranken brauchen Platz – und Platz kostet oft Geld
Oft ist es aber auch eine Kostenfrage, wie etwa in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Das Problem: Dort liegen S-Bahngleise und die Umgehungsstraße zu dicht nebeneinander. Bei geschlossener Schranke würden lange Fahrzeuge wie etwa ein LKW mit Anhänger auf die Umgehungsstraße rausragen. Für eine Beschrankung müsste deswegen entweder die Bahntrasse oder die Straße versetzt werden. "Beides sehr teure Lösungen, und die Bahn zahlt immer nur die günstigste Lösung, und die ist langfristig: schließen", so die Bürgermeisterin von Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Mindy Konwitschny (SPD).
Bahnübergang ist für die Feuerwehr essenziell
Doch eine komplette Schließung wäre für die Feuerwehr in Siegertsbrunn ein enormer Nachteil. Denn: Die Einsatzkräfte nutzen die Schotterstraße und den Bahnübergang, wenn sie mit dem Drehleiterfahrzeug zu Einsätzen in die Nachbargemeinden südlich von Höhenkirchen-Siegertsbrunn gerufen werden.
Bei einer Sperrung der Straße bräuchte die Feuerwehr mehr als doppelt so lang. Sebastian Walch betont: "Für uns ist der Weg wichtig, wir brauchen ihn."
Jetzt hat der Gemeinderat in Höhenkirchen-Siegertsbrunn eine schnelle Lösung gefunden: ein Befahrungsverbot der Straße und des Bahnübergangs für den Autoverkehr. Rettungskräfte dürfen sie nach wie vor nutzen. "Für uns als Feuerwehr ist das so die beste Lösung," sagt Walch. Er hofft, dass so weitere Unfälle verhindert werden können.
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