Jeden Morgen begleitet Dilnoza ihre 8-jährige Tochter auf dem Rad in die nahegelegene Grundschule im Münchner Stadtteil Schwabing. Vorsicht ist besser als Nachsicht in der morgendlichen Rush-Hour, sagt die zweifache Mutter. Ihrer Älteren, zehn Jahre, vertraut sie da schon mehr. Sorgen macht sie sich aber bei beiden: "Dass E-Autos zum Beispiel leise sind und dass da keine Geräusche sind, das muss ich immer wieder sagen."
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18 statt 13 Stunden für Verkehrserziehung gefordert
Zunehmend komplexere Straßenverhältnisse und damit größere Herausforderungen für junge Verkehrsteilnehmer hat auch der ADAC auf dem Schirm. "Leise E-Autos, Roller oder Lastenräder stellen neue Anforderungen an Aufmerksamkeit und Orientierung. Kinder brauchen deshalb mehr Zeit, um zu lernen, sich sicher und gleichzeitig selbstständig in dieser komplexeren Mobilitätswelt zu bewegen", sagt Christina Tillmann von der ADAC-Stiftung.
Ein Lernort der Wahl: die Schule. Ein Stimmungsbild zu dem dort stattfindenden Verkehrserziehungsunterricht liefert nun eine Studie im Auftrag der ADAC-Stiftung. Mit Blick auf den Kenntnis- und Lernstand ihrer Schüler haben 69 Prozent der mehr als 300 befragten Lehrkräfte aus ganz Deutschland angegeben, dass "deutlich mehr Unterrichtsstunden für Mobilitätsbildung" notwendig seien. Statt der bislang 13 Unterrichtsstunden, die etwa in bayerischen Grundschulen für Verkehrserziehung veranschlagt sind, seien 18 Stunden pro Jahr nötig.
Kinder hören erst ab acht Jahren räumlich
Auf eine gewisse Notwendigkeit schließen lassen auch die aktuellsten Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Demzufolge ist die Zahl der Schulweg-Unfälle vom ersten Halbjahr 2024 zum ersten Halbjahr 2025 bundesweit von 40.416 auf 42.303 gestiegen.
Und je jünger die Verkehrsteilnehmer, desto risikobehafteter seien sie, sagt Annika Nohe von der ADAC-Stiftung: Erst in einem Alter von sieben oder acht Jahren könne man etwa räumlich hören. "Kinder sind anders im Straßenverkehr unterwegs als Erwachsene, sie lassen sich leicht ablenken", sagt Nohe. Zudem sei ihr Sichtfeld eingeschränkt. "Weil sie einfach kleiner sind und im Weg stehende Autos dann den Sichtradius einschränken. Daher ist es wichtig, dass Kinder die Teilnahme im Straßenverkehr trainieren und entsprechend vorbereitet werden."
Kultusministerium: Verkehrserziehung fest im Unterricht verankert
Laut bayerischem Kultusministerium hat Verkehrssicherheit an Grundschulen bereits "einen sehr hohen Stellenwert", so eine Sprecherin auf BR-Anfrage. Ab der ersten Klasse sei Verkehrserziehung "verbindlich und durchgängig in allen Jahrgangsstufen verankert – sowohl als fächerübergreifendes Bildungsziel als auch im Fach Heimat- und Sachunterricht", heißt es weiter.
Außerdem sei die Verkehrserziehung mit dem seit dem Schuljahr 2024/2025 eingeführten Radlführerschein "weiter gestärkt und über alle vier Grundschuljahre hinweg verbindlich strukturiert" worden. Mehr als 90 Prozent der Schüler bestünden die Radfahrprüfung auch.
"Die eigenverantwortliche Schule gibt es schon lange"
Beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband verweist Präsidentin Simone Fleischmann darauf, dass von der Lehrerschaft immer mehr Kompetenzvermittlung gefordert werde. "Wir erleben auch die Demokratie, die irgendwie kippt. Wir erleben Kinder, die fettleibig sind. Wir erleben viele psychiatrische Störungen, die Kinder entwickeln. Und all diese gesellschaftlichen Herausforderungen sollen dann in der Schule angegangen werden", so Fleischmann. "Was soll denn dann raus dafür?"
Fleischmann plädiert für Flexibilität und Eigenverantwortung: "Die eigenverantwortliche Schule gibt es schon lange. Man muss uns aber auch diese Freiheit lassen." Schon jetzt sei nämlich klar: "Wenn eine Schule vor Ort ganz klare Brennpunkte hat, die verdammt gefährlich sind, wenn mehr Unfälle passiert sind, dann wird man da genau den Schwerpunkt setzen und vielleicht dann den Salatacker im Pausenhof nicht anpflanzen."
Kritik am Eltern-Taxi: "Kinder lernen nicht auf der Rückbank"
Die Schulen allein sieht auch die ADAC-Stiftung nicht in der Verantwortung. "Bildung findet nicht allein im Klassenzimmer statt", sagt Annika Nohe. Auch Familien spielten eine Rolle, "indem sie mit Kindern das sichere Verhalten im Straßenverkehr regelmäßig üben, um sichere Routinen zu trainieren".
Ein wichtiger Schritt wäre es auch, auf Eltern-Taxis zu verzichten. "Kinder auf der Rückbank im Auto lernen kaum, sich selbstsicher im Verkehr zu bewegen", sagt Nohe. Abgesehen davon stellt das hohe Verkehrsaufkommen dann eine ungleich größere Gefahrensituation vor der Schule dar. "Besser ist es, wenn die Kinder gut begleitet und gut vorbereitet Schritt für Schritt eigenständig mobil werden" – zu Fuß oder auf dem Rad, wie die Töchter von Dilnoza in München.
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