"Ich bin in einem neuen Leben", so Erwin Huber bei einem Treffen im Plenarsaal des Bayerischen Landtags. Dort also, wo er 40 Jahre lang wirkte: als Abgeordneter und Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses.
Abgeordneter, Minister, Generalsekretär und gescheiterter Vorsitzender
Als Wirtschaftsminister, Finanzminister und Staatskanzleichef saß Huber auf der Regierungsbank, war unter Franz-Josef Strauß und Theo Waigel Generalsekretär und scheiterte 2008 nach einem Jahr als CSU-Vorsitzender. Vor allem aber war Huber ein "Wadlbeißer". Scharfzüngig, kompromisslos. Häufig zitiert wird dieser Satz aus dem Jahr 1995 zu damaligen Plänen der Ministerpräsidenten Stoiber und Biedenkopf, das erste ARD-TV-Programm abzuschaffen: "Wer einen Sumpf trockenlegen will, darf nicht vorher die Frösche fragen". In diesem Sinne setzte er auch Stoibers Verwaltungsreform mit durch.
Flirt mit den Grünen und Einsatz für grüne Themen
In seinem "neuen Leben" hat Huber sich gewandelt. Er ist zum Mahner geworden, nachdenklich, jemand, der immer wieder für christliche Werte streitet: Menschenwürde und Bewahrung der Schöpfung – Klimaschutz. Beides fordert er in diesem "neuen Leben" (externer Link) auch von seiner eigenen Partei: "Das Wasser wird knapp, die Hitzetage werden härter, wenn wir nicht was machen, dann macht keiner was", sagt Huber zum Beispiel. Er wolle, dass seine Enkel "in 20, 30, 40 Jahren auch noch menschenwürdig leben können".
Prägendes Philosophiestudium
"Im Denken verändert" habe ihn sein Studium nach dem Ausstieg aus der aktiven Politik: Philosophie. Von 2018 bis 2022 an der Hochschule der Jesuiten in München. Dort setzte er sich mit der Klima-Enzyklika "Laudato Si" von Papst Franziskus auseinander und tauschte sich mit Vertretern der Letzten Generation aus. Die seien für ihn "keine Staatsfeinde" sondern "Idealisten". Parteifreunde hatten die Letzte Generation als "Klima-RAF" bezeichnet. Sein "neues Leben" führte ihn auch zu den Grünen. Die luden ihn 2025 zu ihrer Fraktionsklausur ein. Huber kam, wollte ein Zeichen setzen gegen das "Grünen-Bashing" aus der eigenen Partei. Für ihn sind die Grünen "möglicher Koalitionspartner, sowohl hier in München als auch in Berlin".
"Ich vermisse das C und das S in meiner Partei"
Mit seiner CSU ging er in den vergangenen Jahren immer wieder ins Gericht. "Ich vermisse das C und das S", sagt er im BR24-Interview. Den "Pfingstbrief" von CSU-Vize Manfred Weber, der innerparteilich für Unruhe gesorgt hatte und als Angriff auf Parteichef Markus Söder gewertet wurde, teile er inhaltlich. Wegen dessen "Grundwerteorientierung", so Huber.
Ihn störe "nicht nur", aber "auch" in seiner Partei "die unbarmherzige Sprache". Bei den Sozialreformen etwa. Diese seien zwar nötig, viele Menschen seien aber auf den Sozialstaat angewiesen. Der fünffache Großvater schaut dabei besonders auf die Kinder. Es fehle ein "Aufstiegsversprechen", von dem er selbst, aus "eher schwierigen Verhältnissen" kommend, einst profitiert habe. "Der Staat hat mir die Bildungs- und Aufstiegschancen gegeben." Eine Partei mit dem C und dem S müsse diesen Ehrgeiz haben. Der überzeugte Katholik zitiert aus dem Alten Testament, "die Herrschenden" müssten hier ein "hörendes Herz" haben: "Sie dürfen sich nicht in einen Wirtschaftsliberalismus profitorientiert hineindrängen lassen."
Große Sorge wegen politischem Populismus und AfD
Huber hätte sich auch zurückziehen können, anstatt als "Wanderprediger durch die Lande" zu ziehen. Interviews wie dieses gebe er, "weil mir die jetzige Politik große Sorgen macht". Die "Hinwendung auch meiner Partei CSU zu einem stärkeren Populismus" sei "nicht so positiv". Huber warnt davor, "die Töne der AfD" zu übernehmen. Generell solle man sich weniger auf diese "gefährliche Partei" fixieren, sondern selbst mit guter Regierungsarbeit überzeugen. Er schaue voller Sorge auf die anstehenden Landtagswahlen, etwa in Sachsen-Anhalt.
Geburtstagsfeier "mit vielen aus der CSU"
Seinen 80. Geburtstag feiert Huber heute mit Familie und Freunden, auch Parteifreunden: "Ich möchte deutlich machen, dass Parteien nicht einfach nur Machtapparate sind, sondern auch menschliche Gemeinschaften".
Ihm gehe es "gut". Er schaue zurück auf ein erfülltes Leben, sagt Huber, während er die Augen über die roten Sitze im Plenarsaal wandern lässt. Ob er irgendetwas bereut aus seinem früheren politischen Leben? "Ich würde heute die Verwaltungsreform weniger rabiat durchziehen", so der Niederbayer. Aber, so Huber: Niemand sei vollkommen. "Deshalb stehe ich auch zu diesen Fehlern." Und er stehe – trotz seines "neuen Lebens" - weiterhin zur CSU.
Im Video: Erwin Huber wird 80
"Der Wadlbeißer": Erwin Huber wird 80
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