Der Rabbiner zurrt das Band sieben Mal um Roberts Snedekers linken Arm. Am Ende des Tefillins, des jüdischen Gebetsriemens, hängt ein Kästchen mit Pergament-Stückchen darin. Darauf stehen Gebote aus der Tora. Das Ritual ist Teil der Bar-Mizwa-Zeremonie. Mit der bekennt sich Snedeker zum Judentum. Normalerweise machen das jüdische Jungen im Alter von 13. Snedeker ist schon 70.
Schnaittacher wurden zu Snedeker
Sein Urgroßvater hatte seine Bar Mizwa auch hier in der Synagoge in Emreuth. Damals hieß die Familie noch "Schnaittacher". Laut den Recherchen der Familie muss das um das Jahr 1853 gewesen sein. Ein Jahr später ist er in die USA ausgewandert. "Und dort ist die Verbindung zum Judentum von Generation zu Generation schwächer geworden", sagt Snedeker. Doch das will Snedeker jetzt ändern.
Für seine Bar Mizwa hat er gelernt, Hebräisch zu lesen und zu sprechen. Zum Höhepunkt der Zeremonie hebt er die Tora aus dem Schrank und trägt sie auf das Rednerpult. Der Rabbiner befreit die Rolle aus dem schwarzgelben Stoff und rollt sie vorsichtig auf. Dann beginnt Snedeker, daraus vorzulesen. Seine Familie ist ergriffen, Tränen fließen.
100 Jahre ohne jüdisches Leben
Doch nicht nur für Familie Snedeker ist die Bar Mizwa etwas ganz Besonderes. "Das ist das erste Mal seit über 100 Jahren, dass hier eine Bar Mizwa stattfindet", sagt Julia Schnitzer. Sie ist Kuratorin – und die Synagoge heute ein Museum. Sie erzählt: "Seit den 1930er Jahren gibt es hier kein aktives jüdisches Leben mehr."
Geweiht ist die Synagoge aber trotzdem. "Deshalb konnten wir das hier ermöglichen", sagt sie. Ein Aufwand war es aber. Zum Beispiel gibt es in der Synagoge keine koschere Tora. "Die Gemeinden Nürnberg, Fürth, Bamberg und Erlangen haben uns sehr unterstützt. Ohne sie wär das nicht möglich gewesen", sagt Schnitzer. Die Erlanger haben ihre Tora mitgebracht. Eine Tora zu verleihen ist die absolute Ausnahme – und eine große Ehre.
US-Touch in Mittelfranken
Nicht zuletzt fühlt sich auch Rabbiner Yaron Kapitulnik sehr geehrt. "Der erste Rabbi zu sein, der hier seit über 100 Jahren ist, das ist etwas Besonderes", sagt er. Snedeker hat Kapitulnik aus Florida mit nach Franken gebracht. Und der US-Rabbiner hält seinen Gottesdienst auch entsprechend amerikanisch. Die Wortbeiträge unterlegt er mit Gitarre und Gesang und ruft immer wieder: "Hey, ich singe nur, wenn ihr alle mitsingt!" Die Predigten würzt er mit lustigen kleinen Anekdoten und sein breites Grinsen behält er den Tag über bei. Und macht sich dabei immer wieder bewusst: Hier zu stehen, ist nicht selbstverständlich. "Die Geschichte der Juden ist eine des Überlebens. Wir wurden überall herausgeworfen, verfolgt, getötet", sagt er.
Synagoge in Pogromnacht verwüstet
Auch die Ermreuther Synagoge haben SA-Männer in der Pogromnacht 1938 gestürmt und verwüstet. Zwölf Ermreuther Juden, darunter drei Kinder, wurden später in die Vernichtungslager von Auschwitz, Izbica, Riga und Theresienstadt deportiert und dort ermordet (externer Link). Seitdem gibt es kein jüdisches Leben mehr in Ermreuth. Und deshalb wird es dort wohl auch erstmal keine weitere Bar Mizwa geben. Offen dafür wären Schnitzer und ihr Team aber.
Nach der Zeremonie strahlt Robert Snedeker übers ganze Gesicht. Die jüdische Kultur mache ihn glücklich, sagt er. Rabbi Kapitulnik habe ihm unter anderem beigebracht, zu atmen. Ganz bewusst. Morgens nach dem Aufstehen zum Beispiel. "Du schlägst die Augen auf, atmest und bist dankbar dafür. Das hat mein Leben verändert." Vorbei ist Snedekers Reise an diesem Punkt noch nicht. Er will mehr lernen und forschen – und bald wieder zurück nach Ermreuth kommen. Zu seinen Wurzeln.
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