Hotelfach-Azubi Laeticia Sawadogo hält einen Zehn-Euro-Schein in die Höhe.
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Die Hotelfach-Azubis lernen an der Berufsschule 3 in Nürnberg, wie sie Falschgeld erkennen.
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Die Hotelfach-Azubis lernen an der Berufsschule 3 in Nürnberg, wie sie Falschgeld erkennen.

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Wie ein Berufsschullehrer in Nürnberg Integrationsarbeit leistet

Wie ein Berufsschullehrer in Nürnberg Integrationsarbeit leistet

Die Gastronomie braucht Fachkräfte – auch aus dem Ausland. Doch der starke Zuzug wird für die Berufsschulen zur Herausforderung, denn die Azubis können oft kaum Deutsch. Ein Lehrer aus Nürnberg leistet in seinen Klassen Integrationsarbeit.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau aktuell am .

Berufsschullehrer Alexander Pahl hat in seinen Hotel- und Gastronomie-Klassen über 90 Prozent Azubis mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen verstehen kaum Deutsch. Der Lehrer muss seinen Unterricht an der Berufsschule 3 in Nürnberg also entsprechend anpassen. Trotzdem: Viele kommen nicht mit und andere, besonders die Deutschen mit Abitur, langweilen sich. Das frustriert beide Seiten.

Deshalb hat sich Pahl etwas überlegt: Er lässt die starken Schülerinnen und Schüler Patenschaften für die Schwächeren übernehmen. Für ihr Engagement erhalten die Helfenden am Ende des Jahres das "Zertifikat für wertvolle Unterstützung und Teamgeist".

Deutsch-französische Patenschaft

Laeticia Sawadogo ist vor zwei Jahren von der Elfenbeinküste nach Deutschland gekommen. Sie kann schon ganz gut Deutsch, versteht im Unterricht aber noch nicht alles. Deshalb arbeitet sie seit Oktober mit Marlena Lanchesse zusammen. Lanchesse spricht Deutsch und Französisch und übersetzt für Sawadogo.

Im Unterricht hält sie einen zehn-Euro-Schein hoch und reibt ihn zwischen den Fingern. Heute geht es darum, wie man Falschgeld erkennt. "Wir können zum Beispiel die Papierstruktur ertasten", übersetzt sie ins Französische.

Ohne ihren Lehrer wären Sawadogo und Lanchesse vermutlich nicht auf die Idee gekommen, die Übungen miteinander anzugehen, erzählen die Frauen. Doch Pahl fragt zum Jahresbeginn immer herum, wer Hilfe braucht und wer helfen will. Lanchesse will helfen: "Weil ich alles sofort verstehe, habe ich im Unterricht gewissermaßen Zeit übrig", sagt sie. "Da finde ich es schön, die Zeit jemandem zu geben, der sie braucht."

Sawadogo braucht dringend Hilfe. Für sie sind gute Noten besonders wichtig, denn sie will ihre Ausbildung verkürzen, um ihren vier Jahre alten Sohn nach Deutschland nachzuholen. Das geht nur mit sicherem Job. Sawadogo erzählt: "Ich vermisse meinen Sohn sehr. Ohne ihn ist es schwierig."

Zahl der ausländischen Fachkräfte steigt

Nach der Ausbildung einen Job zu finden, sollte nicht schwer werden. Denn die bayerischen Hotels und Gastronomiebetriebe brauchen dringend mehr Fachkräfte. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verzeichnet bei der Zahl der Azubis allerdings einen Positiv-Trend. 2025 habe die Zahl der Vertragsabschlüsse im Gastgewerbe über dem Vor-Corona-Niveau gelegen.

Das IW erklärt in einer Mitteilung: "Diese positive Entwicklung geht maßgeblich auf die Rekrutierung internationaler Auszubildender zurück." 44 Prozent hätten keine deutsche Nationalität. Und das IW schreibt weiter: "Ohne sie wäre die Zahl der Neuabschlüsse unter der Annahme gleichbleibender Trends seit 2019 um 19,3 Prozent zurückgegangen."

Sprachzertifikate gefälscht?

Die Berufsschule für Hotel- und Gastronomie in Nürnberg führt keine Statistik darüber, wie viele der knapp 2.000 Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland kommen. Laut Alexander Pahl seien es aber die meisten. In manchen Klassen habe niemand Deutsch als Muttersprache. "Es ist super, dass so viele Kräfte aus dem Ausland kommen. Wir sind auf die Menschen angewiesen", sagt Pahl.

Allerdings braucht jeder, der in Deutschland eine Ausbildung starten will, einen Nachweis darüber, dass er mindestens Sprachniveau B2 beherrscht. "Die haben auch alle ein Zertifikat. Aber wir bezweifeln manchmal die Echtheit."

Zertifikat für wertvolle Unterstützung und Teamgeist

Den Unterricht so zu gestalten, dass jeder mitkommt, sich aber auch niemand langweilt, "ist fast unmöglich", sagt Pahl. Deshalb hat er das "Zertifikat für wertvolle Unterstützung und Teamgeist" entwickelt. Das bekommen die Azubis, die ihren Klassenkameradinnen und Kameraden helfen. Mit dem Konzept hat Pahl vor ein paar Jahren angefangen.

Inzwischen machen an der B3 immer mehr Lehrer mit. Denn davon profitieren alle: Die Lehrer müssen weniger selbst erklären, die Schwachen bekommen Hilfe und die Starken mehr Verantwortung. Außerdem baut das Vorurteile und negative Stimmungen ab, erklärt Pahl: "Wenn ich jemandem helfe, wird er mir dadurch sympathischer. Das nennt sich Benjamin-Franklin-Effekt."

Das ist auch in der Falschgeld-Stunde spürbar: Die Azubis bilden Gruppen, übersetzen und lachen viel. Die Noten würden sich allgemein verbessern. Auch die der Helfer, denn die verinnerlichen den Stoff durch das Erklären. Vor allem verbessere sich in den Klassen aber eins: die Gemeinschaft.

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