Einmal im Monat wird der Gemeindesaal der evangelischen Auferstehungskirche in München zum Treffpunkt für das Viertel. "Das Westend kocht" heißt die Aktion, bei der sich Menschen treffen und austauschen, die sich sonst in ihrem Alltag kaum begegnen würden. Zwischen 60 und 100 Menschen kommen jedes Mal. Alle sind willkommen, unabhängig von Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit. Unterstützt wird die Aktion von der Diakonie.
Wie ein Suppentopf hilft, im Viertel Grenzen zu überwinden
Pfarrer Bernd Berger ist am Vormittag mit dem Lastenrad durchs Viertel gefahren und hat eingekauft. Jetzt werden in der Küche des Gemeindesaals Zwiebeln angedünstet, Paprika geschnitten und Suppengemüse zerkleinert. "Das Schöne ist, dass alle Lust haben, beisammen zu sein und mitzuarbeiten", freut sich der pensionierte Pfarrer. Ihm geht es darum, Grenzen zu anders Denkenden und anders Gläubigen zu überwinden. Die Gesellschaft im Viertel sei von so vielen unterschiedlichen Kulturen geprägt, dass Kirche mitspielen müsse. "Das tun wir hier im Kleinen, damit Menschen zusammenkommen."
Warum Begegnungsorte verschwinden – und was das für unsere Demokratie bedeutet
Während die Gesellschaft immer diverser und pluraler wird, gibt es solche Orte der Begegnung wie im Westend aber immer seltener. Das gefährde den sozialen Zusammenhalt und sogar die Demokratie, warnt der Soziologe und Autor Reinald Manthe. Menschen seien heute individualistischer und träfen sich eher mit Gleichgesinnten. "Das führt dazu, dass diese Irritation abhandenkommt, dass die anderen zwar anders sind - aber eben doch ganz okay." Er plädiert daher für mehr Orte, an denen man Gesellschaft wahrnehmen kann und nicht nur die eigene Blase.
Kirchen als soziale Räume: Vom Gotteshaus zum Coworking-Space
Die Frage, ob Kirchen als solche Orte genutzt werden könnten, beschäftigt nicht nur die Sozialforschung. Auch Kunsthistorikerin Manuela Klauser hat sich des Themas angenommen. Sie ist spezialisiert auf die Architekturgeschichte von Kirchen und Mitglied der Forschergruppe "Transara", die sich mit der Transformation nicht mehr genutzter Kirchen beschäftigt. Von denen gibt es aktuell einige in Deutschland. Die meisten stammen aus der Nachkriegszeit und wären optimal für Begegnung geeignet. "Sie symbolisieren gelebte Nächstenliebe und diese Architektursprache spricht demokratische Werte unserer Gesellschaft an", sagt Klauser. "Deshalb sollten wir diese Räume nicht leichtfertig aufgeben."
Kirchen wurden für Gemeinschaft gebaut und könnten genau dafür auch künftig genutzt werden. Nur eben auf eine andere Art und Weise. An manchen Orten finden Messen statt, anderswo Yoga, Konzerte oder gemeinsames Arbeiten. In der evangelischen Lutherkirche in Giesing etwa gibt es einen Pop-up-Coworking-Space. In Großbritannien, so die Kunsthistorikerin Manuela Klauser, sei man bei der sozialen Nutzung der Kirchengebäude besonders kreativ. Dort kann man in Kirchen Kleider spenden oder man geht zu Krisenberatungen, Seniorenangeboten und Sportveranstaltungen – an ein und demselben Ort. "In London war ich in einer wunderschönen kleinen Kirche mit Coworking Space und Kaffeebereich." Ein Mischkonzept zwischen Entspannen und Besinnlichkeit, das sich auch für andere Kirchen adaptieren ließe.
Erst beten – dann tanzen
Auch in der Auferstehungskirche im Münchner Westend gibt es neben dem Kochprojekt noch weitere Aktionen. Auf seinem Handy zeigt Pfarrer Bernd Berger Videos von Konzerten und der einmal im Monat stattfindenden Veranstaltung "Westend Vibes" mit Bar und Musik. Für einen Tangoabend wurden sogar die Hälfte der Kirchenbänke herausgeräumt, damit man im Kirchenraum tanzen konnte. Der Raum an sich ist zwar heilig, sagt Berger. "Aber wir entsakralisieren ihn ja nicht und Musik oder Tanzen sind auch ein Ausdruck von Lebensfreude und eine Form Gott zu loben." In Zukunft könnten also angesichts weniger Gottesdienstbesucher und seltener werdenden Orten der Begegnung sowohl Kirchen als auch Kommunen von solchen Konzepten profitieren.
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