Mitten in der oberbayerischen Gemeinde Schäftlarn, Ortsteil Ebenhausen, rottet gerade eine Bauruine vor sich hin. Diese Ruine heißt St. Benedikt. "Das fängt schon im Keller an, wo eben das Wasser regelmäßig reinläuft wo ich immer wieder pumpen muss, wenn es regnet, und dann auch schon Schimmel auftritt et cetera", sagt Karl Egner, Kirchenpfleger in der örtlichen Kirchenverwaltung. "Das geht weiter nach oben mit dem Dach, das abgenommen werden musste wegen dem Asbest." Die ehemalige katholische Kirche St. Benedikt: Der Pfarrer redet schon seit Monaten nicht mehr mit der Presse, so verfahren ist die Situation.
Bürgermeister Christian Fürst von der CSU gibt am Telefon offen zu, dass ihn das Thema emotional mache. Die größte Mehrheit der Gemeinde sei dafür, das Gebäude aufzugeben. "Man muss auch mal akzeptieren, dass es Veränderungen im Leben gibt", so Fürst, "es ist nicht immer alles gleich und auch in einem Dorf wie Schäftlarn gibt's mal die Veränderung, dass die Kirche an Bedeutung verliert, und eben leider jetzt die katholische Kirche ein Gebäude aufgegeben hat. Und damit müssen wir alle zusammen eine Lösung finden."
Kunsthistorikerin: Kirchen können "der soziale Kitt sein"
Die Lösung heißt aktuell: Abriss. Ein Präzedenzfall im Erzbistum München und Freising. Den wuchtigen 60er-Jahre-Bau zu sanieren, wäre aus Sicht der Kirche viel zu teuer. Die Kunsthistorikerin und Theologin Karin Berkemann ist Mitinitiatorin des sogenannten Kirchenmanifestes, einer Bewegung, die sich für den Erhalt von Kirchengebäuden und eine gemeinwohlorientierte Nutzung einsetzt.
Sie ist anderer Meinung, was den Erhalt der Kirche betrifft: "Das kann der soziale Kitt sein, der das Quartier zusammenhält. Das kann eine Art von geschichtlicher Wurzel sein. Und wenn es gut läuft, kann es ein Raum sein, in den ich gehe in Situationen, in denen ich etwas über mich hinaus nachdenken möchte und Ruhe brauche oder Anregungen. Und am Ende können es Orte sein, in denen wir Demokratie neu aushandeln."
Sie schätzt, demnächst könnten deutschlandweit ein Drittel bis die Hälfte aller Kirchen verloren gehen. Das ist zunehmend auch in Bayern Thema: So hat beispielsweise die Evangelische Landeskirche beschlossen, bis 2035 bis zu 50 Prozent ihrer Immobilien aufzugeben – darunter viele Kirchen. "Insofern hat man jetzt im Bereich Bayern noch die Möglichkeit, Fehler zu vermeiden, die wir in anderen Regionen gemacht haben", sagt Berkemann. Der größte Fehler wäre ihrer Ansicht nach, übereilt zu handeln und sowohl ökologisch als auch sozial zu unterschätzen, was die Aufgabe und der Abriss einer Kirche bedeuten.
Alternative Nutzungskonzepte: Konzertsaal oder Turnhalle?
Der zweite Bürgermeister von Schäftlarn, Marcel Tonnar von den Grünen, sagt, im Fall St. Benedikt sei so ziemlich alles schiefgelaufen, was hätte schieflaufen können: "Es betrifft einen massiv, muss ich sagen. Also persönlich auch. Es ist ein Zerfall der dörflichen Strukturen. Es ist ein Zerfall des Zusammengehörigen der Menschen."
Mit anderen Ehrenamtlichen hat Marcel Tonnar Nutzungskonzepte für St. Benedikt entwickelt, ein Konzertsaal war im Gespräch, eine Turnhalle, es wurden sogar zwei Masterarbeiten darüber geschrieben. Inspiration gibt’s genug, auch in Bayern: In Würzburg ist eine Kunstgalerie in einer ehemaligen Kirche entstanden, in Wörth am Main ein Schifffahrtszentrum. In Kelheim bei Regensburg kann man Ferienwohnungen in der entwidmeten Lukaskirche buchen.
Doch für St. Benedikt in Schäftlarn-Ebenhausen fand sich kein passender Investor, zumindest nicht in der Zeit, die den Ehrenamtlichen für ihre Suche gegeben wurde. Dafür wurde das Gebäude vor einigen Monaten unter Denkmalschutz gestellt. Wegen seiner geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung – man denke nur an das große Altarfresko vom Künstler Franz Nagel. Ob man das alles einfach zerstören kann, ist offen: Ein Abrissantrag ist beim Münchner Landratsamt noch nicht eingegangen.
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