Extremismus verhindern, bevor er entsteht: Das ist der Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Direktor Rupert Grübl hält die aktuelle politische Lage für alarmierend: "Ich bin der festen Überzeugung, leider muss man das so sagen, dass unsere Demokratie gefährdet ist. Wenn man sich die Wahlerfolge von extremistischen Parteien und die Prognosen für die Landtagswahlen, die in diesem Herbst bevorstehen, anschaut, kann einem schon angst und bange werden. Dagegenzuhalten gegen jedwede Form von Extremismus, das ist Aufgabe der Politik, aber es ist auch Aufgabe der politischen Bildung."
Frühe Prävention statt nur härterer Maßnahmen
Politische Bildung müsse laut Grübl konstant in der Erziehung stattfinden. "Wenn Wertebildung ganz früh im Leben von Menschen beginnt", sagt er, "wenn sie also von Kindesbeinen an in diese Werte hineinwachsen, ist die Gefahr geringer, dass sie irgendwann mal in extremistisches Fahrwasser geraten."
Die BLZ bietet deshalb Material für Kinder in Kitas und Grundschulen an, wie beispielsweise den Wertereisekoffer. Für ältere Schülerinnen und Schüler haben sie außerdem digitale Formate entwickelt, wie das computerbasierte Spiel "Deine Stimme", das mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet wurde. Dabei entscheiden Schülerinnen und Schüler, wer in einem fiktiven Land an die Macht kommt. Im schlimmsten Fall endet das Szenario in einer Diktatur. So sollen Jugendliche für demokratische Prinzipien und populistische Rhetorik sensibilisiert werden.
Radikalisierung im Netz
Radikalisierung findet heutzutage hauptsächlich im Internet statt, sagte Manfred Hauser, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz, im Interview mit dem BR-Fernsehen. "Diese Videos scheinen oft erstmal ungefährlich", sagt Daria Arjannikov, die für den Verein ufuq in Augsburg arbeitet. "Da geht es um lebensweltliche und religiöse Themen, um Zugehörigkeit und Identität."
Arjannikov leitet Workshops mit Jugendlichen und Fachkräften zu Islamismus Prävention und antimuslimischem Rassismus. Junge Menschen, die von Diskriminierung und Ungleichheit betroffen sind, sind besonders gefährdet, auf extremistische Ideologien hereinzufallen. "Das sind genau die Themen, die islamistische Akteure auf Social Media aufgreifen und Anknüpfungspunkte bieten, weil Jugendliche, die solche Erfahrungen der Ungerechtigkeit machen, darüber reden möchten."
Einfache Antworten, gefährliche Narrative
Ähnlich agieren auch rechtsextreme Influencer auf digitalen Plattformen. Sie sprechen Themen an, die Jugendliche beschäftigen, geben ein Gefühl von Zugehörigkeit und präsentieren simple Lösungen. Das Problem ist: Dahinter stecken oft verschwörungsideologische Erzählungen. So behauptete etwa die salafistische Influencerin Hanna Hansen nach dem Attentat auf den Berliner CSD, alles sei nur inszeniert gewesen, um Anti-Islam-Propaganda zu verbreiten. Politische Bildung kann helfen, solche Narrative zu erkennen.
Der Verein ufuq setzt mit der Workshopreihe "Wie wollen wir leben?" auf Gespräche mit Jugendlichen. "Unser Ziel ist es, junge Menschen so zu stärken, dass sie gar nicht erst empfänglich werden für extremistische Ansprachen auf Social Media", sagt Arjannikov. "Wir öffnen Gesprächsräume, um mit jungen Menschen über Themen zu reden, die sie beschäftigen, aber im normalen Schulalltag zu kurz kommen: Glaube, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Identität."
Vielfalt sichtbar machen
Wichtig sei zudem, Vielfalt sichtbar zu machen. "Im Heranwachsen zu lernen: Ah, okay, es gibt eine Vielfalt. Der Islam, aber genauso auch das Christentum werden vielfältig gelebt und da gibt es kein richtig oder falsch, kein schwarz und weiß", sagt Arjannikov. Dafür kann auch Ethik- oder Religionsunterricht einen geeigneten Ort bieten.
Ob als Eltern, Freund oder Lehrkraft: Entscheidend ist es, nachzufragen und hinzuschauen, welche Inhalte junge Menschen auf Social Media konsumieren. So kann man dabei unterstützen, gemeinsam Antworten zu finden, bevor Extremisten es tun.
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