Backsteinrot, mehrere Stockwerke, helle Fenster: Das Gebäude sieht so sehr nach Bahnhof aus, dass man fast das Rattern der Schienen hört, das Pfeifen einer Lokomotive und Menschen mit Koffern vor sich sieht. Doch wer in der Gemeinde Wittibreut im Landkreis Rottal-Inn nach den Gleisen sucht, sucht vergeblich. Hier ist nie ein Zug eingefahren.
Hoffnung: Anschluss an die weite Welt
Und trotzdem steht der Bahnhof da. Ein Gebäude wie ein Versprechen auf Anschluss an die große weite Welt, das nie eingelöst wurde.
In den 1860er-Jahren herrscht in Niederbayern Eisenbahnfieber: Jeder Ort will an das neue, schnelle Verkehrsnetz angeschlossen werden. Auch eine Verbindung zwischen Simbach am Inn und Vilshofen im Landkreis Passau ist im Gespräch – und die hätte über das Hügelland bei Wittibreut führen können.
Einen Bauern packt das Eisenbahnfieber
Einer will dem Glück offenbar ein wenig nachhelfen: Bauer Andreas Aigner, genannt der "pfiffige Weingold-Anderl". Er verkauft seinen Hof und steckt sein eigenes Geld in einen kühnen Plan: Er lässt ein Bahnhofsgebäude samt Nebengebäude errichten – noch bevor ihm das Grundstück offiziell gehört. Italienische Wanderarbeiter, Ziegelbrenner und Maurer bauen den massiven Komplex. 1876 ist der Bahnhof fertig. Doch ausgerechnet 1876 wird zum Schicksalsjahr: Der Bahnhof steht, aber die Bahn kommt nicht.
Drei Anläufe – und immer wieder fährt die Bahn vorbei
Ganz aufgeben will Wittibreut die Hoffnung nicht. Ende des 19. Jahrhunderts gibt es weitere Pläne. 1897 kämpfen Bahnfreunde für eine Verbindung von Simbach über Wittibreut in den Landkreis Passau, nach Kößlarn nach Rotthalmünster. Wenig später ist auch eine Strecke von Simbach über Wittibreut und Triftern nach Pfarrkirchen im Gespräch.
Doch Wittibreut liegt hoch: Für die damaligen Dampflokomotiven wären die Steigungen schwierig gewesen. Tiefe Einschnitte, gewaltige Erdbewegungen oder sogar Tunnel hätten die Strecke teuer gemacht. Die Schienen verlaufen kilometerweit am Ortskern vorbei. Das Bahnhofsgebäude aber steht weiterhin da.
Leokadia, der kleine Alois und ein Haus voller Geschichten
Nach Aigners Tod bleibt das Gebäude im weiteren Familienkreis, bei Leokadia Huber. Und genau sie ist es, die Jahrzehnte später einem kleinen Jungen die Geschichten des ungewöhnlichen Hauses erzählt. Dieser Junge heißt Alois Mayerhofer. Als Zehnjähriger kommt er regelmäßig zum Bahnhof. Alois bringt Leokadia Milch, erledigt Arbeiten am Gebäude. Leokadia macht Witze, zeigt ihm Kartentricks.
"Die Lekad, so haben wir sie damals genannt, mit der musste man zusammensitzen", erinnert sich Alois Mayerhofer strahlend. "Sie hat mir die Geschichte über den Bahnhof erzählt. Das ist wohl der Ursprung, warum da mein ganzes Herzblut reinfließt." Für ihn wird das Haus fast zu einem zweiten Zuhause. Und die Geschichten, die Leokadia ihm erzählt, lassen ihn nicht mehr los.
Ein Haus soll seine Seele behalten
Jahrzehnte später kauft Alois Mayerhofer den denkmalgeschützten Bahnhof selbst. Sein Ziel: möglichst viel von dem zu erhalten, was noch original ist. Alte Türen, historische Bauteile, das Schild des Telegraphenamts. "Solche Dinge sind Schätze", sagt Mayerhofer während er einen alten Getreidesack mit Originalaufschrift in der Hand hält. "Die darf man nicht einfach wegschmeißen." Selbst das Geländer vor dem Gebäude lässt er nach alten Fotografien originalgetreu nachbauen.
"Das Haus soll seine Seele behalten und gleichzeitig mit neuem Leben gefüllt werden", Alois Mayerhofer
150 Jahre Bahnhof ohne Bahn
Vor dem Bahnhof liegt heute sogar ein kurzes Stück echtes Gleis mit einer Waggonachse: ein kleines Denkmal für die Bahn, die nie gekommen ist. Zum 150-jährigen Bestehen wird an diesem Wochenende die Geschichte nun noch einmal groß gefeiert. Ein neues Schild mit den Worten des ambitionierten Anderl erinnert an den wohl ungewöhnlichsten Bahnhof der Region.
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