Schon Stunden vor dem Anpfiff stehen die ersten Fans in roten Trikots vor den Toren des Löwenbräukellers. Während des Turniers hat sich die Traditionsgaststätte zur Münchner Anlaufstelle für Spanien-Fans entwickelt. "Das hat sich organisch entwickelt", sagt Andreas Bräuerl, der das Public Viewing organisiert hat. "Wir haben tatsächlich alle Spiele übertragen und die Spanier sind am Anfang mit einer relativ überschaubaren Gruppe gekommen und dann hat sich das rumgesprochen."
Plätze schon im Halbfinale ausgebucht
Es kamen so viele, dass die Tische irgendwann nur noch mit Reservierung vergeben wurden. Die 1.800 Plätze in der Festhalle, im Bräustüberl und im Biergarten füllen sich schnell. Kellner tragen Schweinebraten und Obazda zu den Tischen, bei den Maß Bier herrscht Selbstbedienung. Wer heute hier ist, hat sich den Tisch schon während des noch laufenden Halbfinalspiels gesichert.
So haben es auch Blanca, Marina, Patricia gemacht. Alle kommen aus Madrid und leben seit drei Jahren hier. "Seit dem Viertelfinale hat sich hier eine richtige Community gebildet, es gibt spanische Musik und einen DJ. Die Atmosphäre ist genial!", sagt Patricia. Bei jeder Torchance wird lautstark gejubelt, argentinische Spieler werden ausgebuht, irgendwann läuft sogar ein Spanien-Fan vor die Leinwand und gestikuliert wild und wütend. Die Hoffnung auf den zweiten WM-Titel nach 2010 ist groß.
23.500 Spanier und 1.600 Argentinier in Bayern
Rund 23.500 Spanierinnen und Spanier leben in Bayern, aber nur knapp 1.600 Argentinierinnen und Argentinier. Hier im Löwenbräu-Keller muss man die hellblau-weißen Argentinien-Trikots suchen. Ein paar gibt es aber doch. Eines davon trägt Diego Gonzalez, Halb-Argentinier, Halb-Venezolaner: "Spanien ist eine sehr starke Mannschaft, aber ich hoffe, dass Argentinien am Ende doch noch gewinnt… Es wird spannend." Die Freunde an seinem Tisch sind alle Spanien-Fans.
Viele der zahlreichen anderen Public-Viewing-Veranstaltungen in Bayern sind weitaus weniger parteiisch. Etwa das auf dem Königsplatz, nur wenige Meter vom Löwenbräukeller entfernt. Zwischen den klassizistischen Gebäuden ist im Rahmen des "Kinoliebe"-Sommerfestivals ein Open-Air-Kino aufgebaut. 3.000 Zuschauer sitzen auf bunten Holzliegestühlen oder mitgebrachten Decken. Trikots tragen die wenigsten, dafür Jacken und Decken. Das Wetter hält glücklicherweise.
Der Löwenbräukeller als Exil-Spanien
Und auf dem Platz? Da dominiert Spanien über weite Strecken, belohnt sich aber lange nicht. Erst in der Verlängerung trifft Ferran Torres zum 1:0 und macht die Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente zum Weltmeister.
Im Löwenbräukeller bricht danach großer Jubel aus. Die Fans fallen sich in die Arme, schwenken Fahnen und feiern den zweiten WM-Titel der spanischen Fußballgeschichte. 2010, beim letzten Titel, waren viele von ihnen noch Kinder. Dass sie jetzt nicht in Spanien feiern können, finden die meisten hier übrigens überhaupt nicht schlimm. Ein spanischer Fan findet: "Hier hat es sich auch irgendwie wie Spanien angefühlt."
Und so ist der Löwenbräukeller in dieser Nacht zu einem kleinen Exil-Spanien geworden – mit lauter glücklichen Fans, die noch bis tief in die Nacht weiterfeiern.
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