In einem Innenhof im Regensburger Stadtteil Stadtamhof steht er groß und unübersehbar: ein alter Feldahorn, mit einem breiten Stamm und starken Zweigen, an denen viele grüne Blätter hängen. Gleich mehreren Gebäuden spendet er Schatten. Dank ihm ist es in den umliegenden Wohnungen auch im Hochsommer einigermaßen kühl, berichten Anwohner. Doch bald sollen hier die Bagger anrollen: Der Baum soll neuen Wohnungen weichen, wenn es nach dem Grundstückseigentümer geht.
Anwohner wollen alten Baum behalten
Für Anwohner Richard Schottenloher ist der Baum unverzichtbar: "Der gehört zu Stadtamhof dazu, der gehört zu unserer Wohngegend dazu. Der ist jetzt seit 100 Jahren da, ist eine Art Naturdenkmal und ein wunderschöner Ahorn, dem es gut geht. Wenn man sich anschaut, wie gut der nach diesen Sommern dasteht, dann ist es ewig schade, dass man den jetzt abschneiden möchte." Schottenloher fürchtet, dass durch eine enge Bebauung eine Art Hitzekessel entstehen könnte.
Neben seiner kühlenden Wirkung sei der Baum zudem ein Zuhause für zahlreiche Tiere wie Insekten und Fledermäuse, sagt der Anwohner. Auch der Bund Naturschutz und Greenpeace Regensburg setzen sich unter anderem deswegen seit einiger Zeit für den Erhalt des Baumes ein.
Bauunternehmen: Vorgaben der Bayerischen Bauordnung eingehalten
Von dem beauftragten Bauunternehmen heißt es auf BR-Anfrage, dass bei dem Projekt circa 20 Wohnungen entstehen sollen. In den unmittelbar angrenzenden Nachbargebäuden seien "weit mehr als 30 Wohnungen" untergebracht. Die Vorgabe zur Bauweise, nämlich die Baulücke im Bauquartier zu schließen, komme vom Gestaltungsbeirat. Dieser berät die Stadt Regensburg in architektonischen und stadtgestalterischen Fragen bei Bauvorhaben von besonderer städtebaulicher Bedeutung, heißt es auf der Webseite der Stadt. Bei dem Projekt würden die Vorgaben der Bayerischen Bauordnung eingehalten, so das Unternehmen.
In der Regel gilt: "Eigentumsrecht schlägt Baumrecht"
Auch wenn man erst eine Fällgenehmigung einholen muss: Grundsätzlich entscheidet der Eigentümer darüber, was mit einem Baum passiert. "Eigentumsrecht schlägt Baumrecht", sagt Helene Sigloch, zweite Bürgermeisterin der Stadt Regensburg, vom Bündnis 90/Die Grünen. Ihr sei bewusst, dass Wohnraum in der Stadt dringend benötigt wird. Im Gespräch mit Bauherren versuche die Stadt stets, eine Lösung zu finden, um Bäume stehen lassen zu können, quasi um sie herum zu bauen.
Doch auch wenn viele Menschen nach gemeinsamen Gesprächen vom Fällen eines Baumes absehen würden, gelinge das nicht immer, so Sigloch. Sie wünsche sich mehr Möglichkeiten, alte Bäume stärker zu schützen. "Der Nutzen, den haben ja alle Leute, die darum herum wohnen und weit darüber hinaus. Wir brauchen die Bäume, um unser Stadtklima herunterzukühlen", sagt Sigloch.
Alte Bäume sind schwer zu ersetzen
Regensburg gehört jedes Jahr zu den heißesten Städten in Bayern. Bäume wie der alte Feldahorn, seien fürs Stadtklima eigentlich unersetzlich, sagt sie. "Wir merken auch, wie schwer das ist, kleine Bäume so hochzupäppeln, dass sie überhaupt erst so groß werden." Deswegen sei es wichtig, "dass wir versuchen die Bäume zu halten, weil wir sie nicht ersetzt kriegen". Klimaschutz im Grundgesetz verankern – das wäre ein wichtiger Schritt, findet die grüne Bürgermeisterin.
Anwohner Richard Schottenloher hat noch nicht aufgegeben und gemeinsam mit seiner Frau Klage eingereicht. "Wir hoffen, dass der Baum stehen bleibt, dass so viel Grün wie möglich da ist und dass man vielleicht mit dem Baum bauen kann. Es wären ein paar Wohnungen weniger, aber wir hätten eine Luftschneise, die da durchgeht und keinen Hitzestau – das wäre nur von Vorteil."
Schutz des Baumes vs. notwendigem Wohnraum
Vom Bauunternehmen heißt es hingegen, dass die Klage der Anwohner möglicherweise zur Verzögerung "des dringend benötigten Wohnraums in Regensburg" führe.
Als Hoffnungsschimmer dient dem Anwohner eine alte Eiche im Stadtgebiet. Diese darf vorerst stehen bleiben. In einem Rechtsstreit, ob sie gefällt werden darf oder nicht, ging es vor Gericht zwar vordergründig um die Frage: Wem gehört der Baum? In der Urteilsbegründung wurde allerdings auch dessen klimatische Bedeutung hervorgehoben.
Im Audio: Natur- und Klimaschutz und Wohnungsbau in Regensburg unvereinbar?
Anwohner setzen sich für den Erhalt eines alter Feldahorns im Regensburger Stadtteil Stadtamhof ein.
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