Rettungskräfte stehen am 09.02.2016 an der Unfallstelle eines Zugunglücks in der Nähe von Bad Aibling (Bayern).
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Zugunglück Bad Aibling · Zehn Jahre später · Aus der Katastrophe gelernt?
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Zehn Jahre nach Bad Aibling - aus der Katastrophe gelernt?

Zehn Jahre nach Bad Aibling - aus der Katastrophe gelernt?

Am 9. Februar 2016 stießen bei Bad Aibling zwei Regionalzüge zusammen. Zwölf Menschen starben, fast 90 wurden teils schwer verletzt. Hat die Deutsche Bahn aus dem Unglück die nötigen Konsequenzen gezogen?

Über dieses Thema berichtet: Kontrovers am .

Wenn Richard Schrank an den Unfallort zurückkehrt, kommen auch zehn Jahre später noch Erinnerungen hoch, die einem Albtraum gleichen. "Beim Erkunden waren da zum Teil schon abgetrennte Gliedmaßen, über die man hat drübersteigen müssen", erzählt er im BR-Politikmagazin Kontrovers.

Einsatzleiter: "Alles war zerknäult"

Am 9. Februar 2016 kam es zu einem der schlimmsten Zugunglücke Bayerns: Auf dem eingleisigen Streckenabschnitt zwischen Bad Aibling und Kolbermoor stießen zwei Regionalzüge zusammen. Zwölf Menschen starben, fast 90 wurden teils schwer verletzt. Richard Schrank war damals Einsatzleiter der Feuerwehr und einer der ersten vor Ort. "Alles war zerknäult. Du schneidest große Teile raus, du schneidest kleine Teile raus, Stück für Stück. Es dauert gefühlt Stunden, bis man die Menschen rausbringt."

Im Gerichtsprozess wird festgestellt, dass der Fahrdienstleiter am Handy gespielt hatte – als er seinen Fehler bemerkte, ging er von falschen Annahmen aus, traf falsche Entscheidungen. Menschliches Versagen. Doch der offizielle Unfallbericht gibt auch Hinweise auf mehr als ein Dutzend weitere Einzelfaktoren, die zur Katastrophe führten.

Experte: Diese Art von Unfall kann wieder passieren

Als Reaktion auf Bad Aibling versprach der Bahn-Konzern damals, die technische Sicherheit zu überarbeiten. "Es sind ein paar zusätzliche Regeln aufgenommen worden, in ein ohnehin schon sehr umfangreiches Regelwerk", sagt Prof. Thomas Strang vom Institut für Kommunikation und Navigation im Bahnverkehr am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. "Ansonsten hat sich grundsätzlich wirklich fast nichts geändert, sodass diese Art Unfall leider wieder passieren kann."

DB-Konzernsprecher Achim Stauß hält diese Aussage für eine "unzulässige Zuspitzung". Im Fall Bad Aibling habe es ein "grobes Fehlverhalten" eines Mitarbeiters gegeben. "Ein einzelner einfacher Fehler eines Bahn-Beschäftigten führt nicht zu einem Unfall", betont Stauß im Interview mit dem BR-Politikmagazin Kontrovers. "Er hat die funktionierenden Sicherheitsmechanismen außer Kraft gesetzt. Nur dann ist es möglich, dass so ein Unfall passiert. Da hat nicht die Technik versagt."

Achim Stauß
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Achim Stauß DB-Konzernsprecher im Kontrovers-Interview

Weitere Zugunfälle in Bayern: Immer wieder spielt Technik eine Rolle

Doch seit dem Zugunglück in Bad Aibling kam es in Bayern zu weiteren tödlichen Zug-Unfällen. Im Februar 2022 kollidierten bei Schäftlarn zwei S-Bahnen auf eingleisiger Strecke. Einer der Zugführer hatte ein Haltesignal ignoriert, auch er traf seine Entscheidung aufgrund einer falschen Annahme. Ein Mensch starb, 57 wurden verletzt. Menschliches Versagen – und keine Technik, die eingriff.

Vier Monate später entgleiste in Burgrain bei Garmisch-Partenkirchen ein Zug. Fünf Tote, 78 teils Schwerverletzte. Ein Zugführer hatte am Vortag Auffälligkeiten an der späteren Unfallstelle gemeldet, doch die Meldung wurde nicht weitergegeben. Im von der Deutschen Bahn beauftragten Gutachten heißt es später: Auch dieser Unfall wäre insgesamt vermeidbar gewesen. Hier hat offenbar keine technisch automatisierte Meldekette gegriffen.

Zugunfälle europaweit auf hohem Stand

Laut Europäischer Agentur für Eisenbahnen haben sich die Zugzusammenstöße in den vergangenen zehn Jahren nicht verringert – im Gegenteil: Im Jahr 2016 kam es europaweit zu circa 120 Kollisionen, im Jahr 2024 waren es 170. "Leider muss man auch sagen, dass wir gerade in Deutschland besonders schlecht dastehen", sagt Experte Prof. Strang. Der Ländervergleich zeigt zudem, dass es in Deutschland mit Abstand die meisten Zugzusammenstöße gibt.

Bahn-Sprecher Stauß verweist in Kontrovers dennoch auf hohe technische Sicherheitsstandards bei der DB. "Eine hundertprozentige technische Sicherheit wird es nie geben. Es gibt auch immer noch den Faktor Mensch in diesem Gefüge", sagt er. Trotzdem sei die Eisenbahn das sicherste Verkehrsmittel.

Einsatzleiter fordert Nachrüsten in puncto Sicherheit

Für Einsatzleiter Richard Schrank ist seit Bad Aibling nicht genug passiert. "Es hätte verschiedene Sicherungssysteme gegeben. Soweit ich weiß, sind die bis heute noch nicht eingesetzt." Er fordert, dass die Bahn nachrüstet, um die Folgen menschlichen Versagens zu reduzieren.

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