Nach dem Ansturm von 72.000 Migranten auf Spaniens Nordafrika-Exklave Ceuta ist das Schicksal von Minderjährigen weiter ungewiss. Ein engmaschiges Netz aus nationalen spanischen Gesetzen und internationalen Abkommen untersagen unmittelbare Abschiebungen Minderjähriger, da das Kindeswohl obenan steht. Dennoch sind die überwiegend aus Marokko stammenden Kinder und Jugendlichen zur politischen Verhandlungsmasse im Streit um die Migrationspolitik geworden.
Wie viele Minderjährige sind in Ceuta?
Die Zahlen variieren stark. Anfang der Woche nannte die Verwaltung von Ceuta eine Zahl von 1.017 unbegleiteten minderjährigen Migranten, später von rund 1.200. Jugendministerin Sira Rego wiederum nannte die Zahl von 1.342 registrierten Minderjährigen, um die sich gekümmert werde.
Da das reguläre, primäre Aufnahmezentrum der Stadt für nur 29 Plätze ausgelegt ist, lief das System schon vor der Ankunft der vielen Menschen im Notbetrieb. Kinder und Jugendliche waren auf Notunterkünfte und improvisierte Zivilschutzeinrichtungen verteilt worden. Inzwischen sind auch Schulen und eine alte Fabrikhalle geöffnet und Wohncontainer bereitgestellt worden.
Die Zeitung "El País" berichtete, Bürgerwehren würden zum Teil gewaltsam gegen Migranten vorgehen. Besonders prekär ist die Lage nach Angaben von Hilfsorganisationen für die ganz jungen Migranten, die teilweise erst zehn Jahre alt seien. Mädchen seien wegen sexueller Übergriffe gefährdet.
Was sind die nächsten Schritte für die Kinder und Jugendlichen?
Nach der formellen Registrierung und medizinischen Altersprüfung schreibt das Ausländergesetz in Artikel 35 bei einer Überschreitung der Aufnahmekapazität einen Transfer auf das spanische Festland innerhalb von maximal 15 Tagen vor.
Aufgrund der Überlastung der Bürokratie verzögert sich dieser Prozess um Wochen und Monate. Die Verteilung auf die autonomen Gemeinschaften erfolgt über einen Schlüssel, der sich nach Bevölkerungsgröße und Wirtschaftskraft richtet. Seitdem dieser Verteilungsschlüssel im August 2025 eingeführt wurde, kamen vor den jüngsten Ankünften in Ceuta etwa 1.750 minderjährige Migranten aus Ceuta, Melilla und von den Kanarischen Inseln auf das spanische Festland und zu den Balearen.
Welche Vorgaben gibt es in Spanien für den Umgang mit ihnen?
Unbegleitete minderjährige Migranten unterliegen in den autonomen Gemeinschaften nach dem Ausländergesetz der Schulpflicht und erhalten eine reguläre Aufenthaltserlaubnis und ab dem 16. Lebensjahr eine vollwertige Arbeitserlaubnis. Mit dem Erreichen des 18. Geburtstags endet die staatliche Vormundschaft, doch die Jugendlichen behalten ihre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bei.
Die Verlängerung der Papiere ist an relativ niedrige finanzielle Hürden gekoppelt, sodass bereits ein geringes Einkommen aus Ausbildung, Arbeit oder anderen Beihilfen für den legalen Status ausreicht. Viele Regionen bieten zudem freiwillige Nachbetreuungsprogramme in betreuten Wohngruppen bis zum 21. Lebensjahr an, um den Jugendlichen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Könnten die Minderjährigen auf andere Länder verteilt werden?
Eine Verteilung der unbegleiteten Minderjährigen aus Ceuta auf andere europäische Länder ist rechtlich zulässig und organisatorisch machbar; sie scheitert in der Praxis jedoch am mangelnden politischen Willen der übrigen EU-Mitgliedstaaten, diese Jugendlichen freiwillig aufzunehmen. Spanien darf die Minderjährigen auch nicht in andere EU-Länder abschieben, da es gesetzliche Vormundschaft für die Jugendlichen übernommen hat. Zudem existiert auf EU-Ebene kein verpflichtender Verteilungsmechanismus, andere Mitgliedstaaten würden aufgrund der hohen Betreuungskosten eine freiwillige Übernahme vermutlich verweigern.
Auf Italiens Weigerung, die wegen der Ceuta-Migrationskrise eingeführten Kontrollen aufzuheben, reagiert Spanien mit eigenen Grenzkontrollen. Ab Samstag 0.00 Uhr würden Reisende aus Italien zunächst bis 7. September stichprobenartig an Häfen und Flughäfen kontrolliert, zitierte der staatliche spanische TV-Sender RTVE aus einem Dekret der Regierung in Madrid.
Wie ist die politische Debatte in Spanien?
Mehrere von der konservativen Volkspartei (PP) mit der rechtspopulistischen Vox als Koalitionspartner regierte Regionen hatten Widerstand gegen die automatischen Zuweisungen angekündigt. Nach einigem Zögern betonten sie dann zwar, sie würden die spanische Gesetzgebung achten. Zugleich fordern sie lückenlose Altersnachweise und es stehen Drohungen mit juristischen Klagen gegen Transferanordnungen im Raum. PP und Vox geben der linken Zentralregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez die Schuld an den Ereignissen auf Ceuta.
Wie verhält sich Marokko?
Rabat hat die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Spanien bei der Rückführung Minderjähriger angekündigt. Spanischen Medienberichten zufolge haben die marokkanischen Behörden aber in der Vergangenheit oft Identitätsanfragen spanischer Stellen unbeantwortet gelassen, womit eine Abschiebung nach spanischem Recht unmöglich wurde.
Mit Informationen von dpa
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