Es ist der 22. Oktober 1983: Zwischen Stuttgart und Neu-Ulm bildet die Friedensbewegung eine 108 Kilometer lange Menschenkette: Ein Höhepunkt des Protests gegen die Stationierung neuer US-amerikanischer Atomraketen vom Typ Pershing II in West-Deutschland.
Mit dem Nato-Doppelbeschluss wollte das transatlantische Bündnis gleichziehen mit der Sowjetunion. Diese hatte zuvor ihrerseits neue nukleare Mittelstreckenraketen stationiert. Deshalb rüstete die Nato nach – begleitet von Gesprächen mit dem Kreml. Die Bundesrepublik ist damals der Ort, an dem die Waffen aufgestellt werden. Erinnerungen an jene Zeiten, sie werden bei so manchem wach, angesichts der Absichtserklärungen heute, in Deutschland weitreichende US-amerikanische Waffensysteme zu stationieren. Auch wenn es solche ohne Atomsprengköpfe sind, kehren alte Sorgen mitunter zurück. Wie ist das zu bewerten?
Spurensuche: Sind die 80er zurück?
Das Navi führt in ein Stammtischlokal in Kaufering: Ein Termin auf einer Spurensuche, ein Treffen mit "Raketenmännern" von einst. Mit Helmut Staebler, Hans Lichnowski, Walter Barth und Peter Wodniok. Gedient haben die Männer im Flugkörpergeschwader 1 in Landsberg am Lech. Heute halten sie die Erinnerungen in einer Traditionsgemeinschaft wach. Ihr Waffensystem war die Pershing I, denn auch die Bundeswehr verfügte im Kalten Krieg über die Raketen. Die Atomsprengköpfe stellte das US-Militär. Zum Start hätte es Vertreter beider Nationen gebraucht.
Zur Abschreckung immer in Bereitschaft
Eine Staffel – also eine Einheit des Geschwaders – war immer in Bereitschaft in einer Alarmstellung. Eine Dauerbelastung. Die anderen Einheiten des Geschwaders hatten währenddessen entweder Bereitschaft oder Zeit für Ausbildungen. Helmut Stäbler war damals Staffelchef und immer auf Abruf für den Fall der Fälle. Dieses Leben im Zeichen des Dienstes habe dazu beigetragen, dass aus dem Kalten Krieg in Mitteleuropa kein heißer wurde und so den Frieden erhalten – gemäß der Logik der Abschreckung, die heute wieder eine zentrale Rolle spielt.
Situation vergleichbar?
Ist die Situation damals vergleichbar mit der heutigen, in der weitreichende US-amerikanische Waffensysteme in Deutschland stationiert werden sollen? Nein, sagen die Raketenmänner von einst. Heute sei keine Rede von neuen Atomraketen. Vielmehr geht es um konventionelle Waffen unterschiedlichen Typs. Sie sollen das Arsenal der Nato ergänzen. In den Augen von Militärs erhöhen solche Systeme die Flexibilität und signalisieren einem Gegner: Wage es nicht! Du weißt nicht, wie wir antworten – es gibt die Schwelle unter dem Atomangriff. Dahinter steckt aber wie einst schon die Auffassung, das Zeigen von Stärke könne einen russischen Angriff auf das Bündnis verhindern.
Angekündigt wurde die Stationierung der Waffensysteme vor zwei Jahren. Umgesetzt werden soll sie ab diesem Jahr, wovon das Verteidigungsministerium laut einer Stellungnahme weiter ausgeht. Die Details werden demnach geklärt.
Befürworter: "Starkes Abschreckungssignal"
Der frühere Nato-General Erhard Bühler begrüßt die Pläne im BR-Interview als "starkes Abschreckungssignal". Auch nach seinen Worten ist die Situation nicht mit der Stationierung der Pershings vergleichbar: "Wir versuchen, die Luftverteidigung wieder aufzubauen hier in Deutschland und in Europa. Das reicht aber nicht, dass man nur passiv dasteht und wartet, bis die Raketen kommen, sondern sie müssen in dem Augenblick handlungsfähig sein, wo die Raketen auch abgeschossen werden", sagt Bühler. Er verweist auf russische Waffensysteme mit Reichweiten bis weit nach Europa hinein. Russland hat sie in den letzten Jahren an seinen Außengrenzen und in Belarus stationiert.
Kritiker: "Zielscheibe auf dem Rücken"
Doch auch, wenn es bislang keine Proteste wie in den 80er Jahren gibt, sieht es nicht jeder so wie Bühler. Erich Vad, Brigadegeneral a.D., sagt, Deutschland habe damit "die Zielscheibe auf dem Rücken". Vad sorgt sich zuallererst um Deutschlands Sicherheit. Kritisiert, dass die Waffen nur hier stationiert würden und dadurch das Risiko steige. Seine Botschaft: Die Verteidigungsbereitschaft stärken, aber bitte nicht im Alleingang. Er mahnt darüber hinaus, sich an der Vergangenheit zu orientieren: Ähnlich wie beim Nato-Doppelbeschluss brauche es auch Gespräche über Abrüstung, forderte Vad im BR.
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie im "Thema des Tages“ im Radioprogramm von BR24 oder hier im entsprechenden Podcast in der ARD-Audiothek. Ein längeres Interview mit Erich Vad können Sie im BR24 Podcast "Politik und Hintergrund" hören. Sie finden ihn unter diesem Link.
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