Die Münchner Sicherheitskonferenz hat die Zerrissenheit des Westens in aller Schärfe sichtbar gemacht. Die deutsch-US-amerikanische Politologin Cathryn Clüver Ashbrook ist als Senior Advisor der Bertelsmann-Stiftung Mitglied im Führungskreis und leitet unter anderem das Deutsch-Amerikanische Zukunftsforum. Sie sieht im BR24-Interview für "Possoch klärt" eine dringende Konsequenz: Die Mittelmächte müssen sich jetzt zusammenfinden, bevor die Großen das Spiel unter sich entscheiden.
BR24: Wie kaputt ist der Westen eigentlich?
Cathryn Clüver Ashbrook: Der Westen ist insofern zerrüttet, als es ganz unterschiedliche Grundansichten darüber gibt, wofür dieser Westen steht und wer der Westen ist. Das, was Marco Rubio auf der Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz präsentiert hat, ist mitnichten das, was Amerika über sich selber denkt. Und dass diese Visionen gerade nicht zusammenpassen, das hat man wahrscheinlich am besten in der Klammer der beiden Reden gehört – Rubio und Merz. Wie dort die ganz grundsätzlichen Unterschiede der Sichtweise auf die Eigenfunktion des Westens deutlich wurden, das hätte man fast nicht deutlicher machen können.
BR24: Was ist jetzt nötig? Wie können wir weitermachen?
Clüver Ashbrook: Das Allergrößte ist, dass die Vertrauensbasis zwischen den USA und den europäischen und kanadischen Partnern zerrüttet ist. Und diese wieder aufzubauen, würde Good-Faith-Aktionen der Amerikaner bedürfen. In der Zwischenzeit müssen die Europäer das tun, was Mark Carney auf den Weg bringen will: Die Kanadier bauen gerade eine Quasi-Protoinstitution auf, wo sie die Mittelmächte neu zusammenziehen wollen – vor allem um die Interessen der Mittelmächte abzugleichen.
Denn die Gefahr, dass Großmächte wie China und die USA Daumenschrauben ansetzen und die Mittelmächte dann unterschiedlich tanzen lassen, steht im Raum. Alle EU-Länder, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland, Indien – diese Länder müssen sich noch mal ganz klar verdeutlichen, was ihre eigenen Interessen sind. Und dazu gehört, den Werkzeugkasten zu überprüfen: das Anti-Zwangs-Instrument, Eurobonds, ein stärkerer Kapitalmarkt. Wissend um die Dinge, die wir nicht können – wie können wir das mit Partnern abgleichen?
Im Video: Wie reparieren wir den Westen? Possoch klärt!
"Die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt"
BR24: Hat das eigentlich schon jeder im alten Westen begriffen – oder denken manche noch, es wird irgendwann besser?
Clüver Ashbrook: Die Standing Ovations für Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz lassen darauf schließen, dass die Hoffnung wirklich zuletzt stirbt. Der US-Außenminister hat Angebote gemacht – selbst wenn sie nicht konkret waren, was Rohmaterialien und Lieferketten angeht. Und dennoch müssen die anwesenden Delegationen verstanden haben, dass Versprechen einer möglichen Regierung aus Washington eine Sache sind, dass sie aber aus politischen Eigenansichten des stärksten Mannes im Weißen Haus trotzdem gebrochen werden.
Die Willkür Trumps schneidet alles durch, was dieses Weiße Haus vielleicht sogar strategisch auf den Weg bringt. Das müssen Unsicherheiten sein, die eigentlich für eine Beschleunigung sorgen müssen. Die Dringlichkeit muss ankommen – und da ist mein Zweifel noch groß, dass diese Zeitschiene bei allen genügend rezipiert worden ist.
Europa am Ende? "Das darf nicht passieren", sagt die deutsch-US-amerikanische Politologin Cathryn Clüver Ashbrook im BR24-Interview.
"Wir werden ganz klar alle ärmer sein"
BR24: Was passiert, wenn Europa das nicht hinkriegt?
Clüver Ashbrook: Die Großmächte werden die spalterischen Energien nicht ablegen – das ist eine ganz akute Bedrohung. Wenn das Projekt der Europäischen Union, das größte Friedensprojekt der Geschichte, nicht zusammenhalten kann, weil wir in europäischen Ländern Regierungen an die Macht bekommen, die Donald Trump gerade stark unterstützt, nämlich rechtsnationale, dann werden wir ganz klar alle ärmer sein. Alle viel unsicherer. Und vor allen Dingen nicht gefestigt in dem, was wir sind.
Denn was uns hier in Europa weiter trägt, ist der starke Binnenmarkt, die offenen Grenzen, die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben – für die Wissenschaft, die Forschung, den Austausch unter Europäern. Wenn die Grenzen wieder hochgezogen werden, Zölle kommen, selbst ein Ausstieg aus dem Euro im Raum stünde – das wäre eine endemische, fast nicht vorstellbare Eigenschwächung dessen, was Europa über viele Jahrzehnte geleistet hat. Das darf nicht passieren.
BR24: Danke für das Gespräch.
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