Der russische Präsident Wladimir Putin im Roten Salon im Kreml in Moskau
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Hybrider Krieg: "Das Kalkül des Kreml geht auf"

Hybrider Krieg: "Das Kalkül des Kreml geht auf"

Sicherheitsexperte Ferdinand Gehringer wirft der Bundesregierung vor, zu zögerlich auf die hybriden Angriffe Russlands zu reagieren. Berlin müsse rote Linien definieren, sagt der Jurist im Gespräch mit BR24. Gehringer nennt drei konkrete Schritte.

Über dieses Thema berichtet: Possoch klärt am .

Für Sicherheitsexperte Ferdinand Gehringer sind die hybriden Angriffe auf Deutschland Teil einer Strategie: Russland testet aus, wie weit es gehen kann. Im BR24-Interview für "Possoch klärt" erklärt er, warum Deutschlands bisherige Antwort zwar nicht grundsätzlich falsch, aber viel zu halbherzig ist und, was jetzt passieren müsste.

BR24: Ist Deutschland wehrlos gegen hybride Angriffe?

Ferdinand Gehringer: Wehrlos nicht, aber wir lernen erst, wirksame Mittel dagegen zu entwickeln. Was auffällt: Bundesinnenminister Dobrindt hat lange von "hybriden Bedrohungen" gesprochen. Jetzt spricht er von "hybrider Kriegsführung". Das ist kein Zufall. Der alte Begriff lädt dazu ein, Verantwortlichkeiten wegzuschieben und am Ende keine konkreten Maßnahmen zu ergreifen. Genau das müssen wir ändern.

"Wir hatten wahnsinniges Glück"

BR24: Was wäre passiert, wenn die Drohne in Leipzig ihr Ziel getroffen hätte?

Gehringer: Wir wären einer Katastrophe nur knapp entgangen. Das mutmaßliche Ziel war, die Drohne in eine mit Kerosin beladene Antonov zu steuern. Die Explosion hätte weitere Maschinen erfasst, Trümmerteile wären durch die Gegend geflogen – und da die Drohne schon gegen 19:30 Uhr in Flughafennähe war, hätten wahrscheinlich auch Menschen ihr Leben verloren. Dazu kommt: Eine zweite Drohne mit Sprengstoffspuren wurde sichergestellt, deren Ziel wir bis heute nicht kennen.

BR24: War die Reaktion der Bundesregierung darauf richtig?

Gehringer: Die Reaktion auf Leipzig-Halle war angemessen. Aber sie reicht nicht. Die Bundesregierung muss jetzt weitere rote Linien definieren und sich klar machen, was als Nächstes folgt, wenn Russland wieder einen Schritt weitergeht. Konsulate schließen, Diplomaten ausweisen – das sind Signale. Putin wird davon nicht abgeschreckt. Aber es ist wichtig, diese Signale zu senden und gleichzeitig härtere Optionen vorzubereiten.

Im Video: Russlands hybrider Krieg gegen Deutschland – Sind wir wehrlos?

"Putin beeindruckt kein Entgegenkommen"

BR24: Manche sagen: Bloß nicht eskalieren, die diplomatischen Kanäle offenhalten. Ist das Vernunft oder Naivität?

Gehringer: Ein gewisses Maß an Offenheit für eine spätere Lösung in der Ukraine ist sinnvoll. Aber Putin beeindruckt kein Entgegenkommen, Putin beeindruckt Stärke. Wer ihm Türen öffnet, wird als schwach wahrgenommen. Wer mit Stärke gegenhält, verschafft ihm paradoxerweise eher die Möglichkeit, später selbst Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

BR24: Was schließt Putin aus Deutschlands bisherigen Reaktionen?

Gehringer: Dass das Kalkül des Kremls aufgeht. Wir haben über mehrere Monate jetzt diskutiert: Wer ist zuständig? Was ist die richtige Wortwahl? Welche Konsequenzen ziehen wir? Die Politik war verunsichert, die öffentliche Debatte hysterisch. Genau das plant Moskau ein. Dazu kommt Lawrow, der von Eskalation spricht – das ist Teil desselben Spiels.

Drei Schritte, die jetzt folgen müssen

BR24: Was sollte Deutschland konkret tun?

Gehringer: Erstens: geheimdienstliche Gegenoperationen. Wenn Russland signalisiert, im deutschen Hinterland aktiver werden zu wollen, müssen wir zeigen, dass wir im russischen Raum zu eigenen Operationen fähig sind. Das ist eine Sprache, die Putin versteht.

Zweitens: die Bevölkerung vorbereiten. Resilienz ist nicht allein Aufgabe der Politik. Die Menschen müssen wissen, was auf sie zukommen kann.

Drittens: ruhigere Kommunikation. Nach jedem Vorfall hysterisch aufzuschreien und nach Schuldigen zu suchen, kommt dem Kreml zugute. Stattdessen brauchen wir kontinuierliche, sachliche Aufklärung über die Sicherheitslage. Und noch ein Punkt zu Nato-Artikel 4: Ihn auszurufen, alle Nato-Partner zusammenzurufen und danach mit einer gemeinsamen Erklärung wieder auseinanderzugehen: Das wäre ein fatales Zeichen der Wehrlosigkeit gewesen. Artikel 4 ist kein Selbstzweck.

BR24: Danke für das Gespräch.

Dieser Artikel ist erstmals am 19.9.2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

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